Andreae, Bernard  
Laokoon und die Kunst von Pergamon: die Hybris der Giganten — Frankfurt a.M., 1991

Seite: 20 21
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/andreae1991/0021
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
und in die Brust gebissen wie der jüngere Sohn des
Laokoon. Im Bewegungsmotiv, das sich ebenfalls
der geometrischen Figur eines Parallelogramms ein-
schreiben ließe, stimmt er in erstaunlicher Weise
mit dem Laokoon selbst überein. Zwar kniet er mit
dem rechten gebeugten Bein auf dem Boden, der
Unterschenkel ist also untergeschlagen und nicht
nach unten auf den Boden gestellt wie beim Lao-
koon, aber die Bewegung der übrigen Gliedmaßen
ist unmittelbar vergleichbar: Die Beugung des hoch-
gereckten rechten Arms, der gestreckt nach unten
geführte linke Arm und das schräg nach unten aus-
gestreckte linke Bein sind es nicht allein, die die
Ähnlichkeit begründen, sondern ähnlich sind vor
allem der schräg nach links oben sich im Bogen
spannende Körper und das fast im rechten Winkel
dazu abgeknickte Haupt, dessen Bewegung in die-
sem Fall durch Athenas Griff in die Haare und
durch ihr Ausschreiten nach rechts bedingt ist. Ge-
gen diesen Zug lehnt der Gigant sich nach links,
sein Kopf wird von Athena zurückgerissen.
Die Bewegung beim Laokoon ist durch den Zug des
Schlangenleibes bedingt, der mit dem rechten Arm
des sich zur Seite biegenden Sohnes zusammen-
hängt. Man gewinnt den Eindruck, als wolle der
Vater die Knoten zerreißen, durch die er gefesselt
wird, daß seine Bewegung sich durch den Schock
des Schlangenbisses geradezu krampfartig steigert
und der Kopf nun beim Aufbäumen des gepeinigten
Körpers zurückfällt und den nahen Tod des Prie-
sters ankündigt. Den brechenden Blick erhebt er an-
klagend zu den Göttern. Man glaubt nun nachvoll-
ziehen zu können, wie der Schöpfer der Laokoon-
Gruppe sich von der Gestalt des Alkyoneus zum
Bewegungsmotiv des Laokoon anregen ließ, wie er
die ganze Bewegung aber neu im plastischen, das
heißt nicht nur anatomisch-mechanischen, sondern

Giganten des Pergamonaltares20 (Abb. 16), der den 16 Gruppe von Athena und O^oMUmd^llo^^- ^ Wirkform betreffenden Sinn durchdachte und

Namen Alkyoneus trägt. Alkyoneus aus dem Ost- a s or , für te ao-oon- jem anderen, wenn auch nicht gänzlich verschiede-

_ ' ° fries des Pergamonaltares wuppc

Dieser von Athena niedergerungene Gigant wird (165-156 v Chr.), Berlin, nen Inhalt entsprechend ausformte,

von ihrer Schlange in ähnlicher Weise umwunden Pergamonmuseum.

20

21
loading ...