Andreae, Bernard  
Laokoon und die Kunst von Pergamon: die Hybris der Giganten — Frankfurt a.M., 1991

Seite: 22
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Inhalt

Wenn hier betont wird, daß der Inhalt der beiden
Darstellungen nicht gänzlich verschieden ist, so ist
damit gemeint, daß auch Laokoon von den Göt-
tern, darunter Athena, niedergerungen wird, deren
Schlangen in beiden Fällen den Tod bringen. Man
hat sich immer gefragt, warum Laokoon gegenüber
seinen dem Kindesalter schon entwachsenen Söh-
nen so groß erscheint. Eine mögliche Antwort ist,
daß in der großen, den Giganten vom Pergamonal-
tar so nah verwandten Gestalt des Laokoon ein
Sich-Auflehnen gegen den Willen der Götter er-
kennbar werden soll. Er wirkt gigantisch neben sei-
nen um soviel kleineren Söhnen, weil in ihm eine
gigantische Hybris steckt. Mit dem Bewegungsmo-
tiv des Giganten Alkyoneus übernahm der Schöpfer
des Laokoon auch eine inhaltliche Komponente.
Das gleiche gilt für die beiden Söhne. Wie ein Sohn
der Niobe für die Hybris der Mutter, die sich den
Zwillingen Apoll und Artemis gegenüber ihrer vier-
zehn Kinder rühmte, den Tod erleidet, so muß der
jüngere Sohn des Laokoon die Auflehnung des Va-
ters gegen den Willen der Götter mit dem Leben
bezahlen. Der Ältere (Abb. 13) wird, wie der Ge-
fährte mit dem Weinschlauch (Abb. 12) aus der Po-
lyphem-Gruppe, zum Stimmungsträger, der ohn-
mächtig das Geschehen erleben muß. Vielleicht
kann er fliehen, wie jener.

Wie unverkennbar die Übernahme einer inhalt-
lichen Komponente aus den früheren Werken bei
der Laokoon-Gruppe ist, wird besonders deutlich,
wenn man auch die Gestaltung des Kopfes des Lao-
koon (Abb. 17—20) ins Auge faßt. Dieser ist bärtig
mit wirr vom Schädel abstehenden Haarmassen,
wie man es weder von Menschen- noch von Götter-
darstellungen der vorhergehenden griechischen
Kunst kennt. Hier werden zwar sowohl die Vater-
gottheiten Zeus, Poseidon, Hades und Asklepios als
auch Satyrn und Pane mit üppiger Haarfülle ausge-

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17-20 Kopf des
Laokoon von den vier
Ansichtsseiten.
Der Meister zeigt in der
Formung dieses Kopfes
nicht nur die Tragödie,
sondern auch die Hybris
des Priesters, die der Hy-
bris der Giganten, Gegen-
bildern der Götter,
gleicht.
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