Andreae, Bernard  
Laokoon und die Kunst von Pergamon: die Hybris der Giganten — Frankfurt a.M., 1991

Seite: 45
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man, daß der große Kopf (Abb. 5, 38, 39), der von
der Kultstatue dieses Heiligtums übrigblieb, beson-
ders in der Haargestaltung eindeutig die gleichen
Stilmerkmale, denselben Duktus der Handschrift
wie die Haare des Antisthenesporträts (Abb. 7, 30,
31) zeigt. Beide Köpfe sind von denselben langen,
geschlängelten und in flammenden Spitzen auslau-
fenden Strähnen umgeben, die über der Stirne nach
oben und zur Seite schlagen, über den Schläfen
Brücken bilden und das Gesicht mit wallenden Lok-
ken umrahmen. Da der Stil des Kolossalkopfes
selbst in der Kopie im ganzen demjenigen der Gi-
ganten vom Pergamonaltar (Abb. 22, 23) außeror-
dentlich ähnlich ist und überhaupt die Gestaltung
dieses in der frühen Kaiserzeit aus dem Marmor
gehauenen Kopfes von ungewöhnlicher Reinheit
des pergamenischen Stils bestimmt ist, liegt die
Frage nahe, ob es sich nicht um eine Kopie des
Asklepios des Phyromachos handeln könnte.
Diese Vermutung wird durch einen Vergleich mit
Asklepiosdarstellungen von Pergamon (Abb. 37,
38, 40, 41) bestätigt. Man kann die Locken des
Kopfes auf den Münzen und bei der Kopie in Syra-
kus numerieren und findet sie, Locke für Locke, bei
beiden wieder. Damit ist nicht nur der Beweis er-
bracht, daß der Kopf auf den Münzen den Askle-
pios des Phyromachos darstellt, sondern umgekehrt
ist zugleich bewiesen, daß der Kopf in Syrakus eine
weitgehend exakte Kopie des berühmten Heilgottes
von Pergamon ist. Es ist der Gott, von dem Aelius
Aristides später sagen sollte: »Asklepios' Macht
ist groß und vielfältig. Dieser Gott ist der das Uni-
versum lenkende und beherrschende Retter aller
Dinge. Er rettet das ewig Seiende und das Gewor-
dene.« Der väterlich milde und zugleich machtvolle
Ausdruck des Götterkopfes in Syrakus hat das Bild
dieses Rettergottes für die späteren Zeiten geprägt.
Was mit der Entdeckung dieses Kopfes für die
Kenntnis des Phyromachos erreicht ist, übertrifft
nicht nur alle Erwartungen, es ist auch ein sicherer
Ausgangspunkt für weitere Entdeckungen.

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