Andreae, Bernard  
Laokoon und die Kunst von Pergamon: die Hybris der Giganten — Frankfurt a.M., 1991

Seite: 47
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Der Tempel des Asklepios

Allerdings ergab sich zunächst ein schwerwiegendes
Problem. Der Kopf hat kolossale Maße. Er muß zu
einer doppelt lebensgroßen Statue gehört haben.
Wenn dies eine Sitzstatue war, muß sie gegen drei,
war es ein Standbild, sogar annähernd vier Meter
hoch gewesen sein. Man war aber bisher von der
unwidersprochenen, wenn auch ungeprüften Mei-
nung ausgegangen, daß der berühmte Asklepios des
Phyromachos im Haupttempel des Gottes im Askle-
pieion von Pergamon aufgestellt war. Das Asklepi-
eion von Pergamon ist ein schon im vierten Jahr-
hundert v. Chr. begründetes Hofheiligtum in der
Ebene westlich vor dem Burgberg, das 201 v.Chr.
von Philipp V. von Makedonien zum ersten Mal
zerstört und danach in erweiterter Form wieder auf-
gebaut wurde. Der Asklepiostempel lag auf einer
Felsbarre mitten in der Senke, in der, bei drei Was-
serstellen, das Heiligtum sich ausdehnte. Die Was-
serstellen hatten die Form einer Felsquelle, eines
Schöpf- und eines Badebrunnens, die so dicht an die
Felsbarre herantraten, daß auf dieser nur Platz für
einen kleinen ionischen Tempel blieb. Dieser Tem-
pel aber war zu klein für ein kolossales Kultbild.
Wenn der Asklepios des Phyromachos im Asklepi-
eion gestanden hätte, dann müßte der Kopf in Syra-
kus eine auf kolossale Maße vergrößerte Kopie sein.
Dies aber ist gänzlich unwahrscheinlich. Die Mög-
lichkeit, daß er in Wahrheit doch nicht eine Replik
des berühmten Meisterwerkes sei, muß wegen der
Wiedergabe auf den Münzen ausgeschlossen wer-
den. Man muß also eine dritte Möglichkeit ins Auge
fassen, nämlich, daß der Asklepios des Phyroma-
chos in einem anderen, großen Asklepiostempel ge-
standen hat.

Es ist ein erstaunliches Zusammentreffen der For-
schungsgeschichte56, daß zur gleichen Zeit, als sich
diese Probleme stellten, bei den deutschen Ausgra-
bungen in Pergamon die Reste eines monumentalen

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