Andreae, Bernard  
Laokoon und die Kunst von Pergamon: die Hybris der Giganten — Frankfurt a.M., 1991

Seite: 48
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Asklepiostempels entdeckt wurden57. Die Frag-
mente, um die es sich handelt, waren längst be-
kannt, aber nicht richtig gedeutet worden. Es sind
die Überreste eines ionischen Tempels (Abb. 42),
der auf einer Felsterrasse über dem Gymnasium
stand. Dieser Tempel war, wie neueste Untersu-
chungen ergaben, um 150 v. Chr. nicht aus frisch
im Steinbruch gebrochenen Quadern, sondern aus
dem wiederverwendeten Baumaterial eines wesent-
lich größeren dorischen Tempels errichtet worden.
Das war möglich, weil die Tempel ionischer Ord-
nung mit ihren zylindrischen Säulen zierlicher sind
als die wuchtigen Tempel der dorischen Ordnung
mit ihren konischen Säulen. Einer der im ionischen
Bau wiederverwendeten Blöcke des dorischen Tem-
pels trägt noch die Weihinschrift an Asklepios58.
Der abgerissene dorische Tempel war so groß, daß
er an keiner Stelle auf dem Burgberg von Pergamon
gestanden haben kann, sondern seinen Platz in ei-
nem der vor der Stadt liegenden Heiligtümer gehabt
haben muß. Da auch das Asklepieion keinen Platz
bietet, bleibt nur das Heiligtum der Siegbringenden
Athena, das Nikephorion.

Dieses Heiligtum der Siegbringenden Stadtgöttin
Athena war schon von König Attalos I. nach seinem
Sieg über die Gallier begründet worden. Es muß mit
allen seinen Bauten völlig unter der türkischen Stadt
Bergama am Fuße des Burgberges begraben liegen,
da man an keiner anderen möglichen Stelle irgend-
welche Reste gefunden hat. In der Stadt sind heute
noch die eindrucksvollen Ruinen eines Heiligtums
der ägyptischen Götter aus der mittleren Kaiserzeit
zu sehen. Es handelt sich um die sogenannte Rote
Halle, deren hochaufragende Wände deshalb erhal-
ten blieben, weil sie aus Ziegeln errichtet sind, wäh-
rend die wahrscheinlich nicht weit davon stehenden
Marmortempe! des Nikephorions dem Steinraub
zum Opfer fielen und ihre Grundrisse unter türki-
schen Häusern verschwunden sind. Das Heiligtum
aus der Zeit Attalos' I. war schon, wie das Asklepi-
eion, 201 v.Chr. von Philipp V. von Makedonien

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