Andreae, Bernard  
Laokoon und die Kunst von Pergamon: die Hybris der Giganten — Frankfurt a.M., 1991

Seite: 54
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Man erkennt nun, daß der Stil des Pergamonaltares
nicht mit einem Schlage da war, sondern dal? es
Vorstufen und Vorbilder gab, kurz, daß auch dieser
Stil sich in nachvollziehbaren Etappen entwickelt
hat und daß er seinerseits einen wesentlichen Schritt
auf dem weiteren Wege zur Schöpfung der Lao-
koon-Gruppe repräsentiert. Die langen, wirren und
struppigen Haare zum Beispiel, die beim Laokoon
so merkwürdig erschienen, werden verständlich,
wenn man sich die Entwicklungsschritte vom Gal-
lier aus Gizeh (Abb. 28) über die großen attalischen
Gallier (Abb. 24—27), das Porträt des Antisthenes
(Abb. 7, 30, 31) und den Kopf des Asklepios
(Abb. 5, 38, 39) bis hin zu den Giganten (Abb. 22,
23) des Pergamonaltares vergegenwärtigt. Erst
dann begreift man den komplizierten kunstge-
schichtlichen Vorgang. In den Giganten des Perga-
monaltars erscheinen der in der pergamenischen
Kunst entwickelte Barbaren- und der von Phyroma-
chos geschaffene Göttertypus miteinander deshalb
verschmolzen, weil die Giganten ein barbarisches
Gegengeschlecht zu den Göttern sind; und auch im
Priester Laokoon steckt etwas von der Auflehnung
gegen die Götter, das ebenso zum Untergang führt
wie die Hybris der Giganten, oder, um aus den my-
thischen Exempeln in die reale Geschichte zurück-
zukehren, wie die Aufsässigkeit der Gallier.

Zur Geschichte von Pergamon

An dieser Stelle erscheint es sinnvoll, sich die Ge-
schichte von Pergamon zu vergegenwärtigen und
die kunstgeschichtlichen Entwicklungsschritte, die
zur Schöpfung der Laokoon-Gruppe führten, mit
den historischen Entwicklungsschritten des Reiches
von Pergamon zu parallelisieren.
Die Geschichte des Reiches von Pergamon ist die
Geschichte des Aufstiegs und Endes der Attaliden-

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