Andreae, Bernard  
Laokoon und die Kunst von Pergamon: die Hybris der Giganten — Frankfurt a.M., 1991

Seite: 58
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in echt hellenistischer Weise ihrem späteren Ost-
feldzug unter Titus Quinctius Flamininus zuerst ge-
gen Philipp V. im zweiten Makedonischen Krieg
199—197 v.Chr. und dann gegen Antiochos III. im
Syrischen Krieg 192—189 v.Chr. eine Legitimation
von mythischer Dimension gegeben, indem sie sich
als die Nachkommen der Trojaner bezeichneten,
die angetreten waren, für die Zerstörung Ilions, der
Stadt, aus der ihr Gründerheros, Aeneas, geflohen
war, an den Griechen Vergeltung zu üben. Auf diese
mythische Begründung gingen die Pergamener ein
und feierten in der »Alexandra« in poetischer Ver-
schlüsselung Titus Quinctius Flamininus als einen
neuen Aeneas, der gekommen war, den alten Zwist
zwischen Griechenland und Troja zu beenden und
eine Versöhnung zwischen den Nachfahren, sowohl
denen der Griechen als auch denen der Trojaner,
das heißt den Römern, herbeizuführen.
Aus anderen Quellen67 ergibt sich, daß die Perga-
mener noch weitergingen und auch ihren eigenen
mythischen Ursprung auf Troja zurückführten. Das
war um so glaubwürdiger, als es schon im Namen
von Pergamon zum Ausdruck kommt. Denn Troja
wird in der Ilias68, die jedermann kannte, nicht we-
niger als sechsmal auch einfach »Pergamos«, zu
deutsch »Burg« genannt. Als Gründer von Perga-
mon galt der Heros Pergamos, ein Sohn des Neo-
ptolemos und der Andromache. Neoptolemos war
ein Sohn des Achill, der den größten trojanischen
Helden, Hektor, in der Schlacht überwunden und
getötet hatte. Wenn Neoptolemos, der das von sei-
nem Vater Achill begonnene Werk der Eroberung
Trojas vollendete, später die Witwe Hektors heira-
tet, und mit ihr einen Sohn, Pergamos, zeugt, dann
kommt darin ein gewisser Ausgleich der Kampfpar-
teien zum Ausdruck. Auf diesen Ausgleich der Ge-
gensätze aber zielte die pergamenische Politik und
ihre Propaganda ab. Die Pergamener wollten so-
wohl mit den Griechen, zu deren Stamm sie gehör-
ten, als auch mit den Römern, deren Unterstützung
sie nötig hatten, befreundet sein. Durch die ge-

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