Andreae, Bernard  
Laokoon und die Kunst von Pergamon: die Hybris der Giganten — Frankfurt a.M., 1991

Seite: 73
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Pergamon und die Griechen

Wenn die uns erhaltenen antiken Schriftquellen
über diesen Endkampf der Pergamener gegen die
Gallier im Jahre 166 v. Chr. nicht genauer und aus-
führlicher berichten, so liegt das daran, dal? die Ver-
nichtung der Gallier keineswegs im Sinne der Rö-
mer war und die erhaltene Geschichtsschreibung
vor allem die Sicht der Römer widerspiegelt. Um so
deutlicher sprechen die Denkmäler: in erster Linie
das von Pausanias mit dem Namen des Attalos ver-
bundene figurenreiche Weihgeschenk auf der Akro-
polis von Athen (Abb. 49—60). Hier werden nicht
nur das griechische Volk von Athen, sondern alle
Griechen angesprochen, die in jene immer als die
wichtigste Stadt Griechenlands geltende Metropole
kamen. Indem die Pergamener ihren Kampf gegen
die Gallier in die Reihe der großen Abwehrkämpfe
der Stadt Athen gegen die Hybris unkultivierter
Mächte stellten, welche die Athener selbst schon in
den Parthenon-Ostmetopen mit den von den Göt-
tern besiegten Giganten gleichgesetzt hatten, erho-
ben sie einen Anspruch, der ihnen in der gegebenen
weltpolitischen Situation eigentlich nicht mehr zu-
kam. Doch mit letzter Kraft stemmte sich hier der
große, von den Römern durchschaute und zurück-
gesetzte König von Pergamon gegen den alleinigen
Vormachtanspruch Roms und zeigte den Griechen
ihre Vergangenheit auf, als wollte er das Mutter-
land beschwören, die durch das Zusammenwirken
seines Vaters Attalos 1. mit Titus Quinctius Flamini-
nus gewonnene Freiheit zu nutzen und zu einer Ein-
heit zu finden, die ein Bollwerk gegen jede äußere
Gefahr sei. Mit solchem Einsatz hatte er die Gallier-
gefahr gebannt. Ohne die Römer selbst beim Na-
men zu nennen oder gar direkt anzugreifen, wollte
er den Selbstbehauptungswillen der Griechen stär-
ken, die von der Bevormundung der Seleukiden und
Makedonen befreit waren und nun als einzige noch
ein Gegengewicht gegen Rom bilden konnten. Elan-

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