Andreae, Bernard  
Laokoon und die Kunst von Pergamon: die Hybris der Giganten — Frankfurt a.M., 1991

Seite: 82
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Das Schicksal des Laokoon

Aus der Regierungszeit Attalos' II. sind keine gro-
ßen neuen künstlerischen Unternehmungen be-
kannt. Er ließ in Athen das Kleine Attalische Weih-
geschenk aufstellen, das wie der Pergamonaltar
wahrscheinlich noch in der Regierungszeit seines
Bruders in Auftrag gegeben wurde, und er versuchte
in Pergamon den Großen Altar, mit dem Eumenes
das Schlüsselerlebnis im Krieg gegen die Gallier
überwunden hatte, zu vollenden, bis der Uberfall
Prusias'II. (156 v.Chr.) zur Einstellung der Arbei-
ten führte. Attalos II. hatte nun alle Hände voll zu
tun, das zerstörte Nikephorion wieder aufzubauen,
dessen Trümmer er zum Beispiel für den ionischen
Tempel auf der Gymnasiumsterrasse (Abb. 42) wie-
derverwenden ließ. Im übrigen bemühte er sich um
den Ausbau der Städte in seinem Reich und grün-
dete auch zwei neue, die er nach dem Namen seiner
Frau und nach seinem eigenen Namen Hierapolis
und Attaleia benannte.

Gegen Lebensende des über achtzigjährigen Atta-
los IL, als er schon seinen Neffen (oder Sohn?), At-
talos III. (Abb. 48), zur Mitherrschaft heranzog,
führte ein Ereignis den Pergamenern die Labilität
ihrer Situation vor Augen. Eine Senatsdelegation
unter Führung des Zerstörers von Karthago, Scipio
Africanus, kam 139 v.Chr. nach Pergamon. Die
Pergamener wußten, wie es sieben Jahre zuvor Ko-
rinth und Karthago ergangen war, die sich den Rö-
mern nicht bedingungslos ausgeliefert hatten. Beide
Städte wurden dem Erdboden gleichgemacht. In
Karthago fühlte Scipio sich selbst an den Untergang
Trojas erinnert und fürchtete die vergeltenden
Kräfte der Geschichte, die einst auch Rom das glei-
che Schicksal bereiten könnten. Gleichwohl hat er
dreizehn Jahre später Numantia in Spanien nicht
verschont. In Pergamon kam alles darauf an, den
Römer gnädig zu stimmen und zugleich die eigene
Bevölkerung vor der Verblendung zu warnen, sie

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