Andreae, Bernard  
Laokoon und die Kunst von Pergamon: die Hybris der Giganten — Frankfurt a.M., 1991

Seite: 83
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könnte eine kriegerische Auseinandersetzung mit
den Römern überstehen.

Es gab in dieser Situation kein eindrucksvolleres
mythisches Beispiel als dasjenige, das man schon ein
halbes Jahrhundert früher für das Verhältnis von
Pergamon und Rom in der Dichtung »Alexandra«
bemüht hatte. Damals hatte man den Fall Trojas
am Beispiel des Laokoon geschildert, dem sich die
todbringenden Schlangen übers Meer nähern wie
die Schiffe der Griechen der dem Untergang geweih-
ten Stadt Troja. Doch zu jener Zeit hatte man das
Ende Trojas als den Beginn einer langen Epoche der
fortschreitenden Selbstzerfleischung der Griechen
bezeichnet, die erst in der Verbrüderung der Nach-
fahren der Flüchtlinge aus Troja, das heißt in dem
Bündnis von Pergamon und Rom 197 v.Chr. ein
Ende fand.

Jetzt hingegen, zwei Generationen später, drohte
sich ein neuer Fall von Troja an der Stadt Pergamon
zu wiederholen. Es galt nun, die Römer an das ge-
meinsame Gründungsopfer zu erinnern und die ei-
genen Landsleute vor der Verblendung zu bewah-
ren, der die Trojaner anheimgefallen waren. Diese
hatten den Tod des Laokoon als Bestrafung für den
Lanzenstoß gegen das Hölzerne Pferd angesehen,
das sie als Weihebild der Göttin mißdeuteten und in
ihre Stadt brachten, obwohl es in Gestalt des Vor-
trupps der darin verborgenen Helden ihr Verderben
enthielt. Der Betrachter der Gruppe wußte, daß die
Trojaner durch ihre Fehldeutung sich selbst zum
Werkzeug des Schicksals gemacht hatten. Die
Gruppe anzuschauen bedeutete, von dieser Ver-
blendung befreit zu werden, und einen Ausweg aus
drohender Gefahr zu suchen. Die Laokoon-Gruppe
wird auf diese Weise zu einem Mahnmal gegen den
Krieg, das auch Scipio als solches verstehen konnte,
hatte er doch selbst den Untergang Karthagos mit
dem von Troja verglichen und die Befürchtung ge-
äußert, daß es einst auch Rom so ergehen könne.

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