Andreae, Bernard  
"Am Birnbaum": Gärten und Parks im antiken Rom, in den Vesuvstädten und in Ostia — Mainz/Rhein, 1996

Seite: 43
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und erhielt durch in den Wandputz gesteckte Kiesel
und Stalaktitenbrocken das Aussehen einer Grotte.
Davor war auf einem marmorierten Sockel eine
kniende Satyrstatuette aufgestellt. In den Wandfei- Taf. 10,2
dern links und rechts der Mittelädikula sieht man
zwei Wandbilder mit tragischen Liebesgeschichten.
Rechts entleibt sich Thisbe, als sie feststellen muß,
daß ihr Geliebter Pyramus sich aus Gram selbst
tötete, weil er beim vereinbarten Treffpunkt unter
einem Maulbeerbaum nur ihren blutigen Schleier
fand und glaubte, ein Löwe habe das geliebte Mäd-
chen gefressen. Stellt diese Szene übergroße, selbst-
lose Liebe dar, so bietet das gegenüberliegende Bild
den schönen Jüngling Narziß, der sein Spiegelbild
im Wasserlauf zu seinen Füßen erblickt und sich aus
Liebe zu seinem eigenen Bild verzehrt. Auf dem
Biklinium liegend, konnte man beim Bechern und
Speisen sich mehr oder weniger tiefsinnige Gedan-
ken über Altruismus und Egoismus in der Liebe
machen und konnte im Halbschatten der Pergola
das Schaubild genießen, das einem die langge-
streckte Veranda bot. Am Rand des kanalartigen
Beckens mit seinen beiden Brückchen hockten und
tummelten sich kleine Tiere aus Marmor und beleb-
ten die Szenerie in einer der Miniaturform des Gan-
zen entsprechenden Weise.

Doch erschöpfte sich dieses paradiesische Refugium

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