Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 9
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I

Einleitung

In dem Augenblick, als die Erforschung der Grotte des Tiberius in
Sperlonga, einer der bedeutendsten Ausgrabungen der zweiten
Hälfte des 20. Jahrhunderts, nach vierzig Jahren auf der Stelle zu tre-
ten drohte, gelang Nathalie de Chaisemartin 1993 im Cabinet des
Medailles der Französischen Nationalbibliothek eine Identifizie-
rung, die noch einmal die Tragweite der Funde von Sperlonga zeig-
te und der Forschung neuen Schwung gab.

Die Münzforscherin erkannte, dass eine in Paris erworbene sil-
berne Tetradrachme, die wahrscheinlich zur Erinnerung an das
glücklich überstandene Attentat auf den grössten König von Perga-
mon, Eumenes II., im Jahre 172 v. Chr. geprägt wurde, dieselbe Per-
sönlichkeit abbildet wie ein bekanntes, bisher aber nicht benanntes
Bronzebildnis in Neapel.

Eumenes II.
Bronzebildnis
197 v. Chr.
Neapel, Mus. Naz.
Tetradrachme
272 v. Chr.
Paris, Bibl. Nat.

Diese Entdeckung ist für sich genommen schon bedeutend genug,
stellt sie doch zum ersten Mal den Stifter des Grossen Altares von
Pergamon in einem rundplastischen Bildnis vor Augen. Die gängi-
ge Benennung des Porträts als "Junger Befehlshaber" wird damit
bestätigt. Gleichwohl gab es auch Zweifel; die ganze Tragweite der
Entdeckung wurde jedoch erkennbar, als sich zeigen Hess, dass die
in der Höhle von Sperlonga schon 1957 in Fragmenten ausgegrabe-
ne, aber erst 1996 in der Ausstellung "Odysseus. Mythos und Erin-
nerung" der Welt vorgestellte plastische Gruppe von Odysseus und
Diomedes, die das Palladion rauben, ein Werk des gleichen Künst-
lers sein muss, dem man auch das Bildnis des Königs Eumenes II.
(197-159/158 v. Chr.) verdankt: Nikeratos, Sohn des Euktemon, von
Athen.

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