Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 10
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Einleitung

Die Gruppe des Palladionraubs stellt eine Episode aus dem My-
thos von Troja dar. Den Griechen war geweissagt worden, sie könn-
ten die Stadt an den Dardanellen nicht erobern, solange diese unter
dem Schutz des archaischen Götterbildes der Pallas Athene, des so-
genannten Palladions, stehe. In einem nächtlichen Kommandoun-
ternehmen raubten Odysseus und Diomedes das Palladion, wuss-
ten aber nicht, ob sie das echte Götterbild entführten. Die Trojaner
hatten nämlich, um sich zu schützen, ein zweites, falsches Bild der
Göttin aufgestellt. Doch da Athena auf Seiten der Griechen stand,
lenkte sie deren Schritte und Hess am Ende ihr starres Götterbild mit
den Augen blitzen und die Lanze schütteln, so dass die beiden Hel-
den auseinanderfuhren und das Wunder voll Staunen erlebten.

Der Künstler hat für seine Gruppe, die aus Fragmenten in Sper-
longa und Rom bekannt ist und deren Gesamtkomposition das Re-
lief eines kleinasiatischen Sarkophages in Athen aus der Mitte des
zweiten Jahrhunderts n. Chr. überliefert, den prägnanten Augen-
blick gewählt, als Odysseus und Diomedes das überraschende Le-
benszeichen des hölzernen Bildes wahrnehmen. Sie halten im
Schreiten inne, werfen die Köpfe zur Seite und blicken erstaunt auf

Xj' , das Götterbild, das Diomedes mit nerviger Hand umklammert. Die

Diomedes und °.

das Palladion Situation ist ebenso lebendig wie dramatisch erfasst.

Sperlonga, Schon beim ersten Blick auf die Fragmente der Gruppe in Sper-

Mus. Naz. longa sieht der Betrachter, dass die Schönheit des Werkes, wie der

Um 190 v. Chr. Schöpfer es gewollt hat, bei einer plastischen Kopie auf ganz ande-

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