Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 14
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Einleitung

Dieser nur in Sperlonga erhaltene Kopf der Diomedesfigur ist dem
Bildniskopf des Königs Eumenes von Nikeratos so erstaunlich ver-
wandt, dass man die gleiche künstlerische Handschrift erkennt, wie
unten auch durch einen Vergleich mit dem Palladion (S. 103 ff., S. 261)
noch näher auszuführen ist. Hier, in der Einleitung, kann nur darauf
hingewiesen werden, dass die Entdeckung des Porträts von Eumenes
II. die Handschrift des Nikeratos kennen lehrt und damit ein missing
link zwischen der Kunstentwicklung im dritten und derjenigen im
zweiten Jahrhundert kenntlich macht, das für das Verständnis der Ge-
samtentwicklung der hellenistischen Kunst von entscheidender Be-
deutung ist. Nikeratos war zwar berühmt, weil er in den antiken
Schriftquellen öfters lobend erwähnt wird, er war aber so gut wie un-
bekannt, weil kein einziges seiner schriftlich oder inschriftlich erwähn-
ten Werke - in welcher Form auch immer - überliefert zu sein schien.

Durch die eingangs zitierte Entdeckung lernte man endlich ein
Werk von seiner Hand kennen und konnte seinen künstlerischen Stil
studieren. Nikeratos erwies sich als eine Schlüsselfigur der Kunstent-
wicklung zu Beginn des zweiten Jahrhunderts v. Chr. Die gleiche
Handschrift zeigt nämlich auch das dem Kopf des Eumenes brüder-
lich verwandte Bildnis der berühmtesten hellenistischen Bronzefigur
(S. 106-107), die unter dem seltsamen Namen "Thermenherrscher" be-
kannt ist, weil die Skulptur in der Sala Ottagona der Thermen des Dio-
kletian in Rom steht, einer Abteilung des römischen Nationalmu-
seums. Im Italienischen wird die Statue in den Diokletiansthermen
treffender "Principe ellenistico", hellenistischer Prinz, genannt. In der
Tat stellt sie, wie neueste Forschungen zeigen können, den Prinzen At-
talos EL (geb. 220, reg. 159/158-138 v. Chr.) von Pergamon dar, noch
mit dem ersten Bartflaum, im Alter von dreiundzwanzig Jahren.

Mit den um 197 v. Chr. geschaffenen Bildnissen der Attaliden, zu
denen auch das Bildnis ihres Vaters, Attalos' I. (Umschlagbild, S.
102-109, 261) hinzuzugesellen ist, wird ein neuer chronologischer
Eixpunkt für die Entwicklung der hellenistischen Bildhauerkunst zu
Beginn des zweiten Jahrhunderts v. Chr. gewonnen. Diese Entwick-
lung sollte im grossen Fries des Pergamonaltares ihren Höhepunkt
erleben. Der leitende Meister dieses überragenden Werkes dürfte der
berühmteste hellenistische Künstler gewesen sein, Phyromachos, der
im Altertum neben Myron, Phidias, Polyklet, Skopas, Praxiteles und
Lysipp als der siebte der grossen Bildhauer angesehen wurde, der
einzige der Siebenerliste aus der Epoche des Hellenismus. Interes-
sant ist, dass Phyromachos mehrfach Skulpturengruppen, von de-
nen nur die Inschriftbasen erhalten sind, gemeinsam mit Nikeratos
signierte. Phyromachos muss aber wesentlich jünger gewesen sein
Seite 15; als jener, weil er noch um 160 v. Chr. am attalischen Weihgeschenk

Kopf des Odysseus auf der Südmauer der Akropolis von Athen mitgearbeitet hat,
Aachen, während Nikeratos schon im dritten Jahrhundert v. Chr. tätig war.

Stadtmuseum. Vielleicht war Phyromachos, der sich ebenfalls Athener nennt,

Um 190 v. Chr. dessen Schüler. Auf jeden Fall kann man zwischen dem Werk des

Kopie um 250 u. Chr. Nikeratos und dem des Phyromachos einen entscheidenden Um-

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