Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 16
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bruch feststellen, der die Entstehung des am Pergamonaltar ver-
wirklichten Stiles schrittweise nachzuvollziehen gestattet.

Das ist ist eine grundlegend neue Einsicht, denn bisher bestand in
der archäologischen Forschung keine Einigkeit darüber, ob es im Hel-
lenismus überhaupt eine erkennbare Stilentwicklung gab. Die Datie-
rungsvorschläge berühmter Meisterwerke wie der Laokoongruppe di-
vergieren in der Forschung um dreihundert Jahre, und der Baubeginn
des Pergamonaltares wird von den einen um 189 v. Chr. und von den
andren um 165 v. Chr. datiert. Das zeigt nur allzu deutlich, dass die
Stilentwicklung der hellenistischen Kunst, wenn es sie denn gab, noch
nicht geklärt ist. Das Problem wird aber durch die Entdeckung, wel-
cher Art das Abhängigkeitsverhältnis von Phyromachos zu Nikeratos
war, einer Lösung nähergeführt. Nikeratos erweist sich, je genauer
man ihm nachgeht, in der Tat als eine Schlüsselfigur der hellenisti-
schen Kunst. Mit dieser Erkenntnis ist jedoch erst ein Anfang gemacht.

Die Frage ist, warum denn in der hellenistischen Kunst bisher eine
nachvollziehbare Stilentwicklung nicht festgestellt werden konnte?
Vielleicht schien das Entwicklungsgesetz hier deshalb keine Rolle zu
spielen, weil in der hellenistischen Plastik zum ersten Mal in der Ge-
schichte der Weltkunst der Realismus, die Nachahmung der ja bereits
entwickelten Natur das erklärte Ziel war. Die Kunstwerke wurden
nicht mehr idealisiert oder stilisiert, und die Künstler brauchten die
Fähigkeit zu immer genauerer Erfassung der natürlichen Vorbilder
nicht mehr zu erobern oder zu erweiteren. Diese Vorbilder selbst aber
wandelten sich nicht, da ihre Entwicklung als abgeschlossen zu gel-
ten hat. Wie soll man da eine Entwicklung feststellen?

Andererseits ist das Verständnis eines jeden Kunstwerks nicht un-
abhängig von Zeit und Ort seiner Schöpfung. Die Interpretation ei-
nes Kunstwerks hat deshalb mit seiner zeitlichen Einordnung, sei-
ner Datierung, zu beginnen, und möglichst sollte auch der kunst-
landschaftliche Ort seiner Schöpfung bekannt sein.

Um eine Grundlage für das Urteil über die historische Leistung hel-
lenistischer Bildhauer zu gewinnen und ihre häufig verschleppten oder
nur in Kopien bekannten Werke einem bestimmten Zeithorizont zuord-
nen zu können, ist von der Einsicht antiker Theoretiker auszugehen,
dass die kunstfertige Nachahmung der Natur noch nicht Kunst sei.

Man verlangte vielmehr von den Künstlern, sie sollten ihren Wer-
ken ausser der Wahrheit, das heisst der Übereinstimmung mit den
natürlichen Vorbildern, noch Schönheit und Grösse mitteilen. Diese
beiden Eigenschaften sind aber nicht naturgegeben, sondern von
der Sehweise der jeweiligen Zeit bestimmt.

Will man in einem ersten Schritt ein Gerüst für die Einordnung
hellenistischer Werke finden, empfiehlt es sich, als Fixpunkte der
Chronologie zunächst nur solche Kunstwerke heranziehen, bei de-
nen der Name des Auftraggebers, des Schöpfers oder die Erwäh-
nung durch einen zeitgenössischen Betrachter bekannt sind. Geht
man in dieser Weise bei der Auswahl möglichst streng vor, so ergibt
sich ein interessantes Bild. Die aufgrund äusserer Kriterien gesi-
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