Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 17
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cherte Abfolge hellenistischer Skulpturen lässt den periodischen
Wandel der Sehweise erkennen und macht eine der grossen Epo-
chen der Kunstgeschichte in neuer Weise verständlich.

Doch warum genügt es dabei nicht, nur die Kunstwerke selbst
heranzuziehen und die kunstimmanente Entwicklung zu erfor-
schen? Warum hat sich dieses Buch die Aufgabe gestellt, auch die
Auftraggeber und die Betrachter hellenistischer Plastik zu befragen
und zu Wort kommen zu lassen?

In der hellenistischen Gesellschaft war der Künstler - wie in der
ganzen Antike - nicht autonom, sondern auf einen Geldgeber ange-
wiesen, der seine Arbeit belohnte. Die Geldgeber ihrerseits verfolg-
ten im allgemeinen mit der Bestellung und Bezahlung eines Kunst-
werkes, vor allem wenn es gross und kostspielig war, nicht einfach
die Förderung des Künstlers oder gar der "Kunst", sondern sie ver-
suchten, mit dem Kunstwerk eine bestimmte Zielgruppe zu beein-
drucken, ihr eine Botschaft mitzuteilen.

Eine hellenistische Skulptur kann demnach wie andere antike
Kunstwerke als der absolut gesetzte Ausdruck einer verwickelten Be-
ziehung zwischen Auftraggeber, Schöpfer und Betrachter angesehen
werden. Alle drei sind trotz unterschiedlicher Wichtigkeit aufeinan-
der angewiesen. Für die Intention der Künstler ist die Absicht des
Auftraggebers in gewisser Beziehung entscheidend, und man muss
davon ausgehen, dass ein Auftraggeber sein eigentliches Interesse bei
der Schaffung eines Werkes keineswegs aus dem Auge verlor. Das
aber bedeutet, dass seine Einschätzung der als Betrachter des Kunst-
werks ins Auge gefassten Zeitgenossen oder zukünftigen Generatio-
nen eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Kunstwerks spielte.

Allerdings ist im Fall der hellenistischen Plastik wie überhaupt der
antiken Kunst von vornherein zuzugeben, dass nur ganz selten Aussa-
gen über die Absicht eines Auftraggebers oder über die Reaktion des
Publikums explizit überliefert sind. Der Versuch, diese beiden Grup-
pen zum Verständnis der einzelnen Skulpturen heranzuziehen, ist
gleichwohl nicht hoffnungslos, weil es wenigstens fünfzig bedeutende
Schöpfungen hellenistischer Plastik gibt, bei denen man mit verschie-
denen historischen Methoden zu einer sicheren Bestimmung der Zeit
und des Ortes ihrer Entstehung vordringen kann. Das ist nicht gering
zu achten, denn daraus lassen sich häufig die Person des Auftragge-
bers und die von ihm ins Auge gefasste Zielgruppe erschliessen.

Ausserdem sind von über zwanzig Bildhauern oder Bronzegiessern
(S. 264) aus der gesamten Epoche des Hellenismus, also der rund drei
Jahrhunderte zwischen dem Tode Alexanders d. Gr. 323 v. Chr. und der
Schlacht von Aktium 31 v. Chr., Werke im Original oder in römischen
Kopien erhalten, und bisweilen kennt man auch Äusserungen über ih-
re Kunst oder weitere Daten aus ihrem Leben. Diese Nachrichten, so
selten sie im Vergleich zur Gesamtüberlieferung von Tausenden helle-
nistischer Skulpturen aller Art auch sein mögen, gilt es auszuwerten
und sie der Interpretation der einzelnen Werke voranzustellen.

Die Interpretation auch der durch äussere Kriterien datierbaren
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