Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 19
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Begriffe: Realismus, Schönheit, Grösse

Nicht bloss um handeln zu können, sondern
auch ohne die Absicht zu handeln, ziehen wir das
Sehen sozusagen allem anderen vor. Der Grund
ist, dass diese Sinneswahrnehmung uns am
meisten Kenntnisse vermittelt und viele Eigen-
tümlichkeiten der Dinge offenbart.

Aristoteles

1. Begriffe: Realismus, Schönheit, Grösse

Die Begriffe, die bei jedem Urteil über die hellenistische Plastik eine
Rolle spielen, finden sich schon in der antiken Kunsttheorie. Wahr-
scheinlich hat sie Xenokrates von Athen in der ersten Hälfte des
dritten Jahrhunderts v. Chr. geprägt. Er war nicht nur ein fruchtba-
rer Bildhauer, sondern der früheste bekannte Autor von Büchern
über hellenistische Kunst, und zwar sowohl über seine eigenen Lei-
stungen als auch über die Werke anderer. Leider sind weder Kunst-
werke von seiner Hand noch Texte in der Urform erhalten. Die Be-
griffe, die er geprägt hat, finden sich jedoch in griechischer und la-
teinischer Sprache bei verschiedenen späteren Autoren wie Cicero,
Strabo, Plinius, Quintilian und anderen, welche offensichtlich die
gleiche Quelle benutzten oder letztlich auf sie zurückgehen. Diese
Quelle müssen die Schriften des Xenokrates selbst gewesen sein.
Deren Aussage kann man auf folgenden kurzen Nenner bringen:
Das höchste Ziel des vorbildlichen Künstlers liegt nicht nur im Er-
reichen der aletheia oder veritas, das heisst in der Übereinstimmung
seines Werkes mit dem Naturvorbild, kurz im Realismus, sondern
auch in kdüos (lateinisch pulchritudo) und megethos (lateinisch maie-
stas), also in Schönheit und erhabener Grösse.

Die Begriffe davon, was schön und erhaben sei, wurden an den
klassischen Meisterwerken entwickelt. Im Hellenismus verbanden
sie sich mit einem unmittelbaren Interesse an dem, was in der Welt
an Schönem begegnet, aber auch mit ihrem Gegenteil, dem Kleinen
und Hässlichen. Verkrüppelte und Zwerge sind ein beliebtes Sujet
hellenistischer Plastik, doch die Künstler bemühten sich, auch die-
sen Motiven über die Genauigkeit (aletheia) der Wiedergabe hinaus
in der Form eine ihnen eigentümliche Schönheit (kailos) und Ach-
tung gebietende Menschlichkeit und Erhabenheit (megethos) mitzu-
teilen, die betroffen machen.

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