Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 27
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Eutychides: Tyche, die Stadtgöttin von Antiochia

die Tyche, die Glücksgöttin mit Mauerkrone der von ihm um 300 v.
Chr. neugegründeten oder zumindest neu benannten Stadt Antio-
chia am Orontes, vergegenwärtigen. Die erhaltenen Nachbildungen
in Marmor und Alabaster, in Kleinbronzen sowie auf Münzen und
Gemmen zeigen die Göttin mit übergeschlagenem rechtem, offen-
bar wippendem Bein und steil aufgestütztem linkem Arm auf einem
Felsen sitzend, an dem der Flussgott Orontes mit kraulend ausho-
lenden Armen vorbeischwimmt.

Diese Arbeit kann aus den verschiedensten Gründen den Auftakt
zur Symphonie dieser ganzen Epoche bilden. Erstens, weil Eutychi-
des als der bedeutendste Schüler des letzten klassischen Meisters,
Lysipp, angesehen wurde und damit am Beginn der neuen Epoche
steht. Man kann sein Werk als epochal bezeichnen. Zweitens, weil
das Datum der Entstehung der Tyche bald nach der im Jahr 300 er-
folgten Neugründung der Stadt Antiochia den Zeitpunkt markiert,
als die Diadochenkämpfe nach der Entscheidungsschlacht von Ip-
sos 301 v. Chr. zu einem System von drei Grossmächten im Gleich-
gewicht geführt hatten, das für fast ein Jahrhundert in dieser Form
bestand und auch danach noch bestimmend bleiben sollte. Schliess-
lich, weil die Glücksgöttin, Tyche, als Symbolfigur für den ganzen
Hellenismus angesehen werden darf: Eutychides selbst hiess "der
von Tyche Begünstigte", und jedermann hoffte es zu sein. Heraus-
ragender Schöpfer, epochaler Zeitpunkt und Symbolcharakter ma-
chen aus der Tyche des Eutychides einen Eckstein der Kunstent-
wicklung.

Die Schöpfung des Eutychides zeigt eine Reihe von unverkenn-
baren Stileigenschaften, die man auch im einzelnen mit dem Begriff
der Steigerung erfassen kann. Sie ist fülliger als die vorhergehenden
Sitzstatuen von Göttinnen, wie ein Vergleich mit der Demeter von
Knidos des spätklassischen, attischen Meisters Leochares dartun
kann. Bei der Tyche sind Gewand und Körper zueinander in einen
gesteigerten Gegensatz gebracht. Klassische Frauenfiguren werden
vom Gewand so verhüllt, dass dieses eine plastische Einheit mit
dem Körper darzustellen scheint. Es fesselt den Körper nicht, wie
dies beim fest um den Oberkörper der Tyche geschlungenen Mantel
der Fall ist, auf dem sie sitzt, und den die aufgestützte linke Hand
so am Felsensitz festmacht, dass er Spannfalten bildet. Unter diesen
Spannfalten, die den Oberkörper festhalten, aber die freie Beweg-
lichkeit der Kniegelenke nicht behindern, kommt das Untergewand
hervor. Die beiden Teile des Gewandes sind nicht nur unterschied-
lich in der Wiedergabe des Stoffs, sondern sie sind auffallend ge-
gensätzlich. Der Mantel ist ein glatter, weicher Wollstoff, das lange
Untergewand besteht aus geripptem, etwas steiferem, aber immer
noch fliessenden Leinen, das sich deutlich und nachdrücklich vom
Mantelstoff absetzt. Die genaue Unterscheidung der verschiedenen
Stofflichkeit des Gewandes ist ein gesteigerter realistischer Zug, der

Tyche des Eutychides
Paris, Louvre.
Um MX) o. Chr.

Demeter von Knidos
London, Brit. Mus.
Um 340 v. Chr.

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