Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 29
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EUTYCHIDES: TYCHE, DIE STADTGÖTTIN VON ANTIOCHIA

lel zur Ebene der Brust. Vielmehr hat die Göttin ihren rechten Arm
mit dem Ellenbogen so über das übergeschlagene rechte Knie ge-
schoben, dass sie die Schulterachse gegen die Beckenachse drehen
musste, um den rechten Unterarm und die Hand, die ein Bündel
Ähren und Mohn hält, über das Knie herabhängen zu lassen. Mün-
zen und Statuetten zeigen die beiläufige Art, wie die Glücksgöttin
ihre Gabe darbietet. Das erhöht den Eindruck der Lässigkeit der Sit-
zenden. Dieser Eindruck wird aber durch die starken Spannfalten
am Oberkörper konterkariert, die diagonal von der rechten Arm-
beuge zum linken Oberschenkel und von der Brust zur aufgestütz-
ten Hand verlaufen und den Körper einzwängen. Alle Bewegungen
der Figur, deren Kopf zur Seite gewandt ist, deuten nicht Ruhe, son-
dern eine innere Widersprüchlichkeit an, die einen im unklaren dar-
über lässt, ob die Göttin mit der Mauerkrone unbeteiligt dasitzt oder
ob sie von dem Geschehen um sie herum gefesselt wird. Diese Am-
bivalenz ist beabsichtigt und als solche stilbestimmt.

Eine ähnliche Ambivalenz zeigen viele hellenistische Skulpturen.
Man darf deshalb das Prinzip der Steigerung als Stilprinzip des
ganzen Hellenismus ansehen. Die Welt sollte zwar schon so, wie sie
sich darbietet, erfasst werden, aber die Abbildung der Natur sollte
durch Steigerung der Form und der Bewegung künstlerischen
Nachdruck erhalten. Schönheit wurde mit anderen, individuellen Tyche des Eutychides
Eigenschaften gemischt, darunter nicht zuletzt mit Erhabenheit, die Ports, Louvre.
man der Glücksgöttin nicht absprechen kann. Wie sie ihr von der m ^ 11 ®tr'
Mauerkrone überhöhtes Haupt reckt, zeugt gewiss von königlichem
Stolz und grosser Selbstsicherheit, bekommt aber bei der unerbittli-
chen, als launisch angesehenen Glücksgöttin noch eine eigene Qua-
lität. Hellenistische Bildhauer sind an solchen Nuancen gegenüber
der späten Klassik in einer völlig neuen Weise interessiert. Die
Glücksgöttin ist in dieser Hinsicht schon als Themenwahl zeitbe-
dingt.

4. Die Bildnisse des Seleukos I.
und des Demetrios Poliorketes

Die Betrachtung der Tyche des Eutychides führt zwanglos weiter
zum Bildnis ihres Stifters Seleukos I. Nikator (358/354-281 v. Chr),
das man von einem ausgezeichneten Bronzenachguss des Originals
aus der Pisonen-Villa, der berühmten Villa der Papyri, jetzt im Na-
tionalmuseum von Neapel, kennt. Der Schöpfer dieses Bildnisses ist
nicht namentlich bekannt, aber er dürfte dem Kreis der Schüler des
Lysipp angehört haben, mit dessen Werk er sich auseinandersetzt.

Die in spätrepublikanischer und frühaugusteischer Zeit ausge-
stattete Villa der Pisonen in Herculanum enthielt die grösste Samm-
lung von Bildnissen hellenistischer Herrscher aus Bronze und Mar-

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