Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 35
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Die Bildnisse des Seleukos I. und des Demetrios Poliorketes

chen von den Augenwinkeln zu den Wangen und von den Nasen-
flügeln zu den eingekerbten Mundwinkeln zeigen doch, dass man
es mit einem Werk der gleichen Stilstufe zu tun hat wie beim Bild-
nis Seleukos' I. Das lehrt auch die bei beiden Bildnissen ähnliche
Formung der Haare, die beim jugendlichen Demetrios noch fülliger
sind als bei dem zwanzig Jahre älteren. Der entscheidende Unter-
schied ist der, dass das Porträt des jugendlichen Demetrios in vielen
Formeln, vor allem bei den scharfgratigen Brauenbögen, dem spät-
klassischen Stil noch stärker verhaftet ist oder bei diesem Anleihen
vornimmt, um die natürliche Schönheit des Dargestellten künstle-
risch sinnfällig zu machen.

Plinius (nnt. 34, 67) überliefert den Namen des Schöpfers eines
Bildnisses des Demetrios Poliorketes: Teisikrates von Sikyon. Ihn
für den Schöpfer des überlieferten Porträts zu halten ist gewagt,
wird aber wahrscheinlicher, wenn man auch die anderen von Teisi-
krates bekannten Daten heranzieht. Schon vor 317, dem Jahr der
Absetzung von Alexanders Schildträger Peukestes als Satrap von
Persien, hat er dessen Bildnis geschaffen. Er war also als Porträt-
bildhauer für die Diadochen tätig. Als Schüler des Euthykrates, des
berühmtesten, wenn als Künstler in überlieferten Werken auch
kaum noch greifbaren Sohnes und Schülers des Lysipp (Plin., nat.
34, 66), war er ein Enkelschüler des grossen Bildhauers aus Sikyon,
woher Teisikrates auch selbst stammte. Schon sein Lehrer Euthykra-
tes soll sich von Lysipp nicht ganz haben lösen können, "obgleich er
mehr die Festigkeit als die Feinheit des Vaters nachahmte und lieber
im ernsten als im eleganten Stil Gefallen erregen wollte". Ähnliches
könnte man auch über den Schöpfer des Demetrios-Bildnisses sa-
gen. Teisikrates, so berichtet Plinius (nat. 34, 67), habe der Lysipp-
Schule noch näher gestanden als sein eigener Lehrer Euthykrates, so
dass man seine Werke oft nicht von denen Lysipps habe unterschei-
den können. Hier wird ein Dilemma der hellenistischen Kunst er-
kennbar, das ihre Beurteilung so schwierig macht. Da die hellenisti-
sche Kunst an die Stelle der die Schönheit garantierenden Gesetz-
mässigkeit das für schön Gehaltene selbst gesetzt hatte, dieses aber
eine auf der klassischen Kunst beruhende Konvention war, blieb die
hellenistische Kunst bei aller Progressivst retrospektiv und lieh
sich immer wieder in der Klassik entwickelte Formen aus, um ihrem
Anspruch auf Schönheit und Majestät Genüge zu leisten. Zum Ver-
ständnis der Stilentwicklung muss man deshalb das Augenmerk be-
sonders auf die progressiven Kunstformen und stilistischen Errun-
genschaften richten. Auf das Bildnis des Demetrios Poliorketes an-
gewendet heisst das, dass man die Asymmetrie der Augen, die Wöl-
bung der Stirn, die Beweglichkeit der Gesichtsmuskulatur, wie
zurückhaltend sie auch sein mögen, als das eigentlich Neue ernst
nehmen muss. Das verbindet dieses Porträt mit dem des Seleukos I.,
wo diese Züge allerdings entschiedener hervortreten.

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