Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 39
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Das Bildnis Ptolemaios' I.

schichte der Diadochenreiche entscheidende kriegerische Aktion
verwickelt, deren Erinnerung mit einer für die hellenistische Kunst
schlechthin emblematischen Schöpfung verbunden wurde, dem Ko-
loss von Rhodos.

6. Der Koloss von Rhodos

Bei seinem Versuch, die Einheit des Alexanderreiches wiederherzu-
stellen, hatte Antigonos Monophtalmos es 312 v. Chr. unternom-
men, Ptolemaios in Ägypten selbst anzugreifen. Als dies vergeblich
war, entschloss er sich, Ägypten durch die Eroberung von Rhodos
zu treffen, das den lebenswichtigen Getreidehandel für das Pto-
lemäerreich besorgte. Demetrios wurde 306 v. Chr. zur Belagerung
der Stadt Rhodos entsandt, für die er riesige Mengen von Material
auf die Insel schaffen Hess. Doch Ptolemaios I. unterstützte die Stadt
von See her, so dass Demetrios auf die Dauer erfolglos blieb und die
Belagerung abbrechen musste.

Die Rhodier gaben Ptolemaios den mit göttlichen Ehren verbun-
denen Namen Soter, Retter, und beschlossen, den Erlös für das wert-
volle Material, das Demetrios hatte zurücklassen müssen, zur Er-
richtung einer Kolossalstatue des Sonnengottes zu verwenden. Die-
se sollte so hoch sein wie der Belagerungsturm, den Demetrios ge-
gen die Stadtmauern geführt hatte. Mit der Schaffung des Kolosses
wurde Chares von Lindos, ein Schüler des Lysipp, beauftagt. Das in
der Anthologie! Graeca 16, 82 überlieferte Epigramm der Statue nennt
die Masse des Kolosses und den Namen des Künstlers:

"Den Koloss von Rhodos sieben mal zehn Ellen hoch

machte Chares von Lindos."

Die Umrechnung von 70 Ellen ergibt 31,75 m Höhe, was durch die
Umrechnung in 105 römische Fuss von 0,296 m, das heisst 31,08 m
durch Vibius Sequester in etwa bestätigt wird. Die 293 v. Chr. voll-
endete Riesenplastik aus Bronze stürzte schon 228 bei einem Erdbe-
ben um und blieb in Trümmern liegen, bis nach der Eroberung von
Rhodos durch die Araber im 7. Jahrhundert ein jüdischer Händler
aus Emesa das Material in sechshundert Kamelladungen abtrans-
portieren liess. Der Koloss wurde zu den sieben Weltwundern ge-
zählt, und um ihn ranken sich viele Historien und Anekdoten. Für
die Geschichte der hellenistischen Plastik ist dieses Werk wichtig,
weil man den Anlass, die Errettung von der makedonischen Belage-
rung, den Zeitpunkt der Stiftung 304 v. Chr., den Auftraggeber, die
demokratisch regierte Stadt Rhodos, den Namen des Schöpfers,
Chares von Lindos, und einige Zeugnisse von Betrachtern vor allem
aus der Zeit kennt, in der der Koloss fast tausend Jahre lang als
Mahnmal am Boden hingestreckt dalag. Schliesslich, weil die gigan-
tischen Ausmasse des in zwölfjähriger Arbeit errichteten Bronze-

Ptolemaios 1.
Paris, Louvrc.
305 v. Chr.

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