Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 44
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Kephisodotos und Timarchos: Das Sitzbild Menanders

Seife 43 oben - 44:

Zweiundfünfzigjährigen beim Schwimmen im Piräus von der Stadt
Athen in Auftrag gegeben und im Dionysostheater aufgestellt, wo
die hohe Basis noch heute steht. Der Dichter ist in dem Alter darge-
stellt, das er erreicht hatte. Das Bildnis steht am Anfang einer gros-
sen Reihe vergleichbarer Statuen hellenistischer Literaten, Philoso-
phen, Bürger. Die Unterscheidung von Stand- und Sitzbildern geht
möglicherweise auf die Darstellung stehender, jüngerer neben den
sitzenden, älteren Mitgliedern der Familien auf den attischen Grab-
reliefs klassischer Zeit zurück. Nach einer ansprechenden Vermu-
tung von Paul Zanker waren deshalb die drei grossen Tragiker
Aischylos, Sophokles und Euripides im Jahre 330 auf Antrag des
führenden Politikers Lykurg im Dionysostheater durch eine Gruppe
von zwei stehenden und einem sitzenden, in diesem Fall dem zeit-
lich jüngsten, aber nach der Meinung der Zeit an Weisheit ältesten,
Euripides, geehrt worden.
Alle späteren Bildnisstatuen von Geistesheroen mussten sich an

Menander. Kopf dieser spätklassischen Trias der hochklassischen Tracödiendichter

m Kopenhagen, ' . .. ..... _ „ , , ,. _

Ny Carlsberg messen. Dabei ist nicht m jedem Fall klar, warum man die Form ei-

Glyptotek. nes Standbildes oder eines Sitzbildes wählte, es zeichnet sich aber

290 v. Chr. ab, dass Politiker eher durch Standbilder, Geistesgrössen aber durch

Sitzbilder geehrt wurden.

Unter diesen sind nächst derjenigen des Menander von besonde-
rer Bedeutung die Sitzstatuen Epikurs und seiner beiden Schüler
Metrodor und Hermarch aus der Zeit um 270, des Komödiendich-
ters Poseidippos aus der Zeit vor der Mitte des dritten Jahrhunderts,
die Exedra von zwölf berühmten, in überlebensgrossen Sitzbildern
um Homer versammelten Dichtern und Denkern im Serapisheilig-
tum von Memphis wohl aus dein späteren dritten Jahrhundert, das
Bildnis des Chrysippos vom Ende des dritten Jahrhunderts und, als
ein alle vorhergehenden Erfahrungen zusammenfassendes, das von
Phyromachos "erfundene" Bildnis des Antisthenes aus dem ersten
Viertel des zweiten Jahrhunderts v. Chr. An diesen Bildnissen kann
man eine Entwicklungsreihe der Sitzstatue von der frühhellenisti-
schen bis in die hochhellenistische Zeit verfolgen und kann diese an
signifikanten Beispielen bis zum Ende des Hellenismus fortsetzen.
Wir werden diese Statuentypen zur gegebenen Zeit zum Zeugnis
heranziehen.

Vorangestellt sei dasjenige am Anfang der Reihe, das Sitzbild
Menanders, das auf den ersten Blick einem anderen berühmten Sitz-
bild der gleichen Zeit stilistisch konträr erscheint, der Tyche des Eu-

c .. .. tychides. Klaus Fittschen hat das Menanderbildnis als ein Werk von

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Rekonstruktion in spätklassischer Schönheit beschrieben: "Die Statue Menanders ist

Göttingen, ganz still. Der Dichter sitzt vom Betrachter abgewandt, sein Kopf ist

Abgtisssammtung sinnend geneigt. Der Aufbau der Figur ist ohne Dissonanzen, von

der Universität. reinstem Wohlklang. Auf genial einfache Weise bindet der von der

290 u. Chr. linken Schulter zum rechten Knie geworfene Mantel den Körper zu-

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