Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 50
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Kephisodotos und Timarchos: Die kapitolinische Aphrodite

Bevor wir uns der Themis, einem etwas später als die Kapitoli-
nische Venus geschaffenen Werk zuwenden, geht der Blick noch
einmal zu dem anderen Werk der Praxitelessöhne zurück, dem
Menanderbildnis. Wodurch erweisen sich das Standbild der nack-
ten Frau und das Sitzbild des bekleideten Mannes als Werke der
gleichen Stilstufe, wahrscheinlich sogar desselben Bildhauerate-
liers? Die Methode der stilistischen Beschreibung ist hier überfor-
dert. Man muss von dem Faktum ausgehen, dass beide Werke die
gleiche Stilstufe bei verschiedenen Gegenständen vertreten. Dann
ist es interessant, sich klarzumachen, wie beide Werke sich zu
ihren Vorläufern verhalten, wie sie sich mit den früheren Werken,
der Knidia des Praxiteles oder den Sitzenden in spätklassischen
Grabreliefs auseinandersetzen und eine neue, zeitgemässe Aussa-
ge suchen. Hier kann man Gemeinsamkeiten finden, die verblüf-
fend sind. Auch Aphrodite scheint sich im Gegensatz zur Gelöst-
heit der Knidia selbst zu fesseln. Ihre Arme stossen gegeneinander
wie die Falten beim Gewand der Tyche und des Menander. Die
Plastik ist nicht vom Umriss her, sondern von den rund um den
Körper herumführenden Wölbungen bestimmt. Sie erkennt den
Raum als das autonome Medium an, in dem sie sich bewegt. Das
alles sind gegenüber der Spätklassik neuartige formale Züge, die
eine Hervorhebung dieser Werke als Ecksteine der Chronologie
rechtfertigen.

9. Chairestratos: Die Themis von Rhamnus

Die vom Bildhauer Chairestratos, Sohn des Cheredemos aus Rham-
nus, signierte Statue der Themis, der Gerechtigkeit, aus dem Tempel
seiner Geburtstadt, jetzt im Athener Nationalmuseum, kann als in-
teressantes Standbild einer bekleideten Frau neben die nackte Kapi-
tolinische Venus gestellt werden. Das Bildwerk ist sicher etwas spä-
ter geschaffen als die Aphrodite der Söhne des Praxiteles, aber den
genauen zeitlichen Abstand kennt man nicht.

Man weiss nur aus den Nachrichten über seinen Vater und Gross-
vater, dass Chairestratos zu Beginn des dritten Jahrhunderts tätig
war. Die Göttin der Gerechtigkeit, die als Tochter von Uranos und
Gaia einer uralten Mythenschicht angehört, war in Athen und Attika
besonders in Zeiten innerer Erneuerung ein Thema. Das spricht
dafür, dass die Statue der Themis des Chairestratos in der Phase der
durch den Strategen Olympiodoros für eine gewisse Zeit zwischen
294 und 266 v. Chr., besonders aber mit den kriegerischen Erfolgen
des Jahres 287 v. Chr. zurückgewonnenen Freiheit entstanden ist. In
Rhamnus lag der Tempel der Themis neben einem schon in klassi-
scher Zeit um 430 v. Chr. errichteten Tempel der Nemesis, der Ver-
geltung, die die Gerechtigkeit wiederherstellt. Für diesen Tempel

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Olympiodoros
Oslo, Nasional-
galleriet.
Um 280 v. Chr.
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