Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 55
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Die Dionysosstatue des Thrasykles

270 v. Chr.

ihn zu ergänzen. Das blieb wissen-
schaftlichen Versuchen unserer eige-
nen Zeit vorbehalten, bei denen die
Originalfragmente nicht angetastet
werden. Solche Versuche sind ein be-
rechtigtes Desiderat der Forschung,
die aber auch dort, wo eine Ergänzung
schlechterdings nicht möglich ist, den
Torso als kunstgeschichtliches Zeugnis
heranziehen muss.

Dies ist bei einem auf das Jahr
271/70 v. Chr. zu datierenden Torso
eines sitzenden Dionysos der Fall. Der
Tragödiendichter Thrasykles hatte ihn
nach einem eigenen Sieg im Monu-
ment für den von seinem Vater 320/19
v. Chr. errungenen Sieg im Wettbe-
werb der Grossen Dionysien am Hang n Diuin/sus rfi's
der Akropolis von Athen aufstellen H Trasykles
Kissen. Die Marmorskulptur befindet ■■flflBpjj^^ London, Brit. Mus.
sich jetzt im Britischen Museum in
London.

Für sich genommen, mag sie als ein nicht überragendes Werk er-
scheinen, aber im Zusammenhang mit der Betrachtung der Sitzsta-
tuen von Dichtern und Denkern des dritten Jahrhunderts v. Chr. ge-
winnt sie eine besondere Bedeutung als ein Originalwerk dieser
Gattung, von der sonst nur römische Kopien erhalten blieben. Zwar
handelt es sich nicht um die Sitzstatue eines Theaterdichters, son-
dern um den Gott, der diese inspiriert, doch lässt sie sich ohne wei-
teres formal mit den Sitzstatuen vergleichen, die im Folgenden zu
behandeln sind. Dass nicht das Sitzbild eines Sterblichen gemeint
ist, zeigt die Länge des bis auf den Boden hinabreichenden Unter-
gewandes, und vor allem zeigt es das Pantherfell, das der Gott über
den Rücken gelegt hat, so dass eine Tatze über die linke Schulter auf
die Brust herabhängt und der präparierte Pantherkopf rechts unter
den Gürtel gesteckt ist. Der Kopf ist gleichsam aufgefaltet, und eine
Seite mit dem rechten Ohr, dem geschlossenen Auge, den Lippen
und Zähnen schaut unter dem glatten Gürtel heraus, die andere ist
nach oben geklappt und kommt darüber hervor.

In der Haltung ist der Gott wesentlich hoheitsvoller dargestellt als
die Menschen, deren Motive zufälliger erscheinen. Der Gott sitzt auf-
recht, stellt beide Füsse mit der vollen Sohle auf und schiebt nur den
rechten etwas weiter vor als den senkrecht unter dem Knie stehen-
den linken. Der rechte Arm scheint auf einen Thyrsos, einen mit Efeu
umwundenen Zeremonialstab gestützt gewesen zu sein. Die linke
Hand lag nicht im Schoss wie gewöhnlich bei den Darstellungen sit-

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