Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 57
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Die Bildnisse des Philetairos, Ptolemaios II. und Nikomedes I.

12. Die Bildnisse des Philetairos, Ptolemaios II.
und Nikomedes I.

Die nächsten aus historischen Gründen, wenn schon nicht aufs Jahr
genau, so doch innerhalb eines engeren Zeitraums zu datierenden
Skulpturen sind die Bildnisse hellenistischer Herrscher und griechi-
scher Philosophen und Theaterdichter. Unter den ersteren sind ne-
ben dem Porträt von Ptolemaios II. vor allem das in einer Marmor-
kopie überlieferte Bildnis des Philetairos von Pergamon (geb. 343,
reg. 282-263 v. Chr.) und der Bronzenachguss des Bildnisses des Ni-
komedes 1. von Bithynien (Regierungszeit ca. 280-255 v. Chr.) zu
nennen. Alle diese drei Bildnisse sind nur aus der unschätzbar wich-
tigen Sammlung der Pisonenvilla von Herculanum, jetzt im Natio-
nalmuseum von Neapel, bekannt.

Zur Zeit, in der Philetairos von Pergamon und Nikomedes 1. von
Bithynien ihre Autonomiebestrebungen durchsetzten, war die zwei-
te Generation der drei massgebenden Dynastien der Antigoniden in
Makedonien, der Seleukiden in Asien und der Ptolemäer in Ägypten
an der Regierung. Von den Herrschern Antigonos II. Gonatas (geb.
319, reg. 283-239 v. Chr.), Antiochos I. (geb. 324/23, reg. 281-261
v. Chr.), Ptolemaios II. Philadelphos (geb. 309, reg. als Alleinherr-
scher 283/82-246 v. Chr.) ist nur vom letzteren ein rundplastisches
Bildnis überliefert. Es ist zum Vergleich mit den beiden gleichzeiti-
gen Bildnissen von Philetairos und Nikomedes I. heranzuziehen.

Die beiden letztgenannten, nicht weit voneinander im nord-
westlichen Kleinasien, der eine in Pergamon in Phrygien, der an-
dere in Bithynien residierende Herrscher gehören zu den weniger
bedeutenden örtlichen Machthabern, die sich hie und da in dem
grösseren Gefüge der drei gleichgewichtigen Diadochenstaaten
der Makedonen, Seleukiden und Ptolemäer halten und im Lauf
der Zeit ihre Territorien sogar ausweiten konnten. Die Geschicke
Bithyniens und Pergamons als feindliche Nachbarstaaten sind bis
zur römischen Epoche miteinander verquickt, erhalten aber eine
besondere Note durch das Auftreten einer neuen und unberechen-
baren Macht. Es sind die Kelten, die nach der Niederlage bei Del-
phi 279 v. Chr. quer durch Thrakien wandern, im bithynischen Erb-
folgekrieg von kleinasiatischen Dynasten über den Bosporus geru-
fen werden und sich 278/77 in den öden Teilen des nördlichen
Grossphrygien zwischen Sangarios und Halys mit den Städten An-
kara, Gordion und Pessinous niederlassen. Sie werden damit
Nachbarn von Bithynien und Pergamon, wodurch eine Konfliktsi-
tuation programmiert ist, deren Meisterung besonders in Perga-
mon die grössten Leistungen der hellenistischen Plastik provozie-
ren sollte. Die Rolle Bithyniens erscheint dabei in wenig günstigem
Licht: Nikomedes I., der die von seinem Vater Zipoites begründe-
te Herrschaft in Bithynien im nordwestlichen Kleinasien unter

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