Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 58
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Die Bildnisse des Philetairos, Ptolemaios II. und Nikomedes I.

schweren Kämpfen behauptete, war zunächst mit Antigonos Go-
natas gegen Antiochos I. verbündet. Als Antigonos sich 279 v. Chr.
mit Antiochos arrangierte, kam es zu einer folgenschweren Ent-
scheidung des Bithyniers. Er nahm gallische Söldner in seine Dien-
ste und begünstigte damit die endgültige Festsetzung der Gallier
in Galatien, obwohl diese in der berühmten Elefantenschlacht um
275 v. Chr. von Antiochos I. geschlagen wurden, der daraufhin den
Namen Soter annahm. Der Gegensatz zu den Galliern, die nach
den Worten des Polybios (18,41) eine Geissei für alle wurden, be-
stimmte die weitere Geschichte Kleinasiens.

Betrachtet man die Bildnisse des Philetairos, Nikomedes I. und
Ptolemaios IL, die alle in je einem Exemplar in der Porträtsammlung
der Villa dei Papyri in Neapel erhalten sind, unter dem Gesichts-
punkt der Stilentwicklung in der hellenistischen Plastik, so erkennt
man alsbald, dass sie von dem Neuanfang in der Bildniskunst der
vorhergehenden Generation der Diadochen Demetrios I. Poliorke-
tes, Seleukos I. Nikator und Ptolemaios 1. bestimmt sind, aber in
ähnlicher Weise weiterentwickelt wie die um 280 v. Chr. zu datie-
renden Bildnisse des Demosthenes und des Olympiodoros. Die
Schlichtheit, die diese Bildnisse zeigen, findet sich auch in den drei
anderen Porträts, von denen das des Bithyniers aber noch ein an
Seleukos I. Nikator erinnerndes, jedoch abgeschwächtes Pathos
behält. Ptolemaios II. wirkt geradezu reduziert.

Als eine besondere künstlerische Leistung erscheint hingegen das
Bildnis des Philetairos. Es stellt den von Lysimachos zur Bewachung
von 9000 Talenten Staatsgelder in Pergamon eingesetzten Burg-
hauptmann als den Begründer der Attalidendynastie dar und reiht
ihn damit gleichsam nachträglich in die Gruppe der Diadochen be-
ziehungsweise ihrer Epigonen ein. Dieser durch sein Bildnis doku-
mentierte Anspruch der Pergamener war ein Stimulans ihrer politi-
schen Aktivität. Das Bildnis des Philetairos sollte bis zum Aufgehen
des Staates im römischen Staatsverband als Hoheitszeichen auf den
pergamenischen Münzen erscheinen, so wie vor ihm Lysimachos
und andere Diadochen das Bildnis Alexanders auf ihren Münzen
prägen Hessen.

Grundlage dieses Anspruchs war die nach dem Tod von Lysima-
chos und der Ermordung Seleukos' I. im gleichen Jahr 281 v. Chr.
usurpierte Kriegskasse auf der Burg von Pergamon. Die darin ge-
hortete enorme Summe gab den Pergamenern eine gewisse Hand-
lungsfreiheit. Sie nutzten diese nicht zuletzt zur Schaffung von
Kunstwerken, die eine politische Botschaft vermitteln sollten.

Eine solche enthält auch das Bildnis des Philetairos. Es ist das äl-
teste pergamenische Kunstwerk, das wir kennen. Die Marmor-
skulptur zeigt ein scharf geschnittenes Gesicht und ist wegen der
unharmonisch massigen Kopfform unverkennbar. Besonders im
Profil wirken das starke Untergesicht, die breiten Wangen, der

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