Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 64
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/andreae1998/0068
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
Doidalsas: Die hockende Aphrodite

Nikomedcs 1.

war? Diese junge Frau ist sich ihrer menschlichen Schönheit be-
wusst, die sie zur Göttin ihrer Zeit macht.

Mit dem Auftrag Nikomedes' I. an den Schöpfer der Hockenden
Aphrodite, Doidalsas, hat es eine besondere Bewandtnis. Der
bithynische König war von der knidischen Aphrodite des Praxite-
les so entzückt, dass er den Knidiern das Angebot machte, ihnen
die berühmte Marmorplastik für einen extrem hohen Preis abzu-
kaufen, um sie im Aphroditetempel der 264 neu gegründeten Stadt
Nikomedeia, dem heutigen Izmit an der Propontis, aufzustellen.
Doch die Knidier lehnten das Angebot ab. Da beauftragte Niko-
medes einen Künstler mit dem bithynischen Namen Doidalsas (bei
Plinius, nat. 36, 35 Daedalsas), eine Aphroditestatue zu schaffen,
die nach übereinstimmender Meinung der Forschung in den Kopi-
en der Hockenden Venus überliefert ist. Bemerkenswert ist, dass
sich auch diese hellenistische Schöpfung einer Aphrodite - wie
diejenige im Typus der Kapitolinischen überlieferte - auf das Inbe-
griffbild der Liebesgöttin von Praxiteles bezieht, für die es Ersatz
bieten sollte. Die Auseinandersetzung mit dem grossen Vorbild ge-
schieht aber auf eine sehr originelle, überraschende Weise. Das
Vorbild scheint, wie im Mythos von Pygmalion, zum Leben er-
von Bithynicn weckt. Doch sie bewegt sich völlig unbekümmert um das, was die

Neapel, Mus. Naz. Konvention von einem Kultbild erwarten darf. Sie hockt sich nie-
Ca. 280-255 v. Chr. der und wendet den Kopf, aber nicht, weil sie sich wie die Kapito-
linische Venus beobachtet fühlt. Ein unsichtbarer Betrachter exi-
stiert für diese Figur nicht, es wird vielmehr eine andere, ebenfalls
unsichtbare Figur, eine Dienerin, in die Komposition einbezogen,
die das Gefäss mit dem Badewasser über die Hockende ausgegos-
sen hat. Die Badende wendet sich unwillkürlich, also nicht in be-
stimmter Absicht nach der Dienerin um, die nur durch diese Be-
wegung - rein gedanklich - in Erscheinung, in die Vorstellung des
Betrachters tritt. Wichtiger für die Komposition, für die Entfaltung
des schönen Frauenkörpers in einem ebenso natürlichen wie ge-
suchten Motiv, sind die Handlung und nicht zuletzt die Bewegung
der Hände, die das Wasser aus den vollen Haaren wringen. Es ist
ein aus der Handlung entwickeltes Motiv, das es dem Künstler er-
laubt, zusammen mit den gegeneinander verschobenen Schenkeln,
sperrige, in verschiedene Richtungen weisende Linien in Gegen-
satz zum Zentrum der Bewegung zu bringen, zu dem sie aber zen-
tripetal zurückführen.

Es ist kunstgeschichtlich besonders aufschlussreich, die Aphrodi-
te des Doidalsas mit späthellenistischen Abwandlungen des Motivs
zu vergleichen, deren schönste in einer rhodischen Statuette über-
liefert ist. Die Natur scheint hier von der Kunst eingeholt.

Waren die frühhellenistischen Werke natürlich vollrund, und ging
es gerade darum, die Rundung der Körper im Raum erfahrbar zu
machen, so ist die rhodische Abwandlung des Motivs ganz vom

64
loading ...