Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 70
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Die Bildnisse des Epikur und des Zenon

Zenon

Kopenhagen,
Gh/ptotek.
Um 260 v. Chr.

Tränensäcken. Der volle Mund ist geschlossen, aber so, als habe er
soeben das letzte Wort gesprochen, dem er durch seinen Blick und
die ernste Miene noch einmal Nachdruck verleiht. Dieses Bildnis er-
scheint wie ein Musterbeispiel für die Forderung des Xenokrates,
das Ziel vorbildlicher Kunst seien Wahrheit, Schönheit und Maje-
stät.

Deshalb sind hier nicht nur physiognomische Züge zu erken-
nen, sondern präzise Elemente des Zeitstils, die von der späteren
hellenistischen Kunst aufgenommen und weiterentwickelt wur-
den und in das Formenrepertoire der Bildhauer eingehen sollten.
Wir finden die spezifische Augenform zum Beispiel beim An-
tisthenes von Phyromachos wieder, wo sie eine inhaltliche, auf
Epikur verweisende Konnotation haben könnten, aber auch bei
mythologischen Figuren wie dem Menelaos der Pasquino-Gruppe
oder dem einen Gefährten des Odysseus in der Gruppe der Blen-
dung des Kyklopen Polyphem. Diese Augenform ist also auch ein
Stilelement, das wir an einer datierten Statue zum ersten Mal bei
Epikur beobachten.

Das bedeutet natürlich nicht, dass man Pasquino- und Polyphem-
gruppe in die Zeit des Epikurbildnisses datieren muss, da diese die
Augenform in einen ganz anderen stilistischen Kontext setzen.

So zeigt das Epikurporträt auch Züge, die es noch mit dem des
Menander verbinden. Man beachte nur die Formeln für die Haare.

Angesichts dieser traditionellen Formen werden die neuen, fort-
schrittlichen Züge besonders evident.

Das Porträt des Zenon von 262/61 v. Chr. ist ein Werk der glei-
chen Generation, in der die Bildnisse Epikurs von 270 v. Chr. und
des Philetairos von Pergamon (282-263 v. Chr.) entstanden. Mit dem
letzteren ist es besonders nah verwandt. Die Darstellung einer indi-
viduellen Schädelform, sei sie nun extrem schmal, wie bei Epikur,
massig verformt wie bei Piletairos oder bugartig vorstossend wie
bei Zenon, ist ein möglicherweise physiognomisch begründeter,
aber sicher stilistisch erfasster und hervorgehobener Zug dieser Pla-
stiken. Im übrigen besitzt das Zenonporträt noch etwas von der
Schlichtheit, die das Demosthenesportät und die Themis des Chai-
restratos auszeichnen. Der ganze Ausdruck philosophischen Boh-
rens ist in die leidenschaftlich zusammengeschobenen Stirnmuskeln
gelegt, die zwei in steilem Parabel-Anstieg zu drei kurzen parallelen
Querfalten hinaufstossende Linien über der knorpeligen Nasen-
wurzel bilden.

Beim Porträt des Zenon besteht die seltene Möglichkeit, einmal
den Auftraggeber ins Spiel zu bringen, den jede Kunstschöpfung in
der Antike voraussetzt. Aus sozio-ökonomischen Gründen ist näm-
lich auszuschliessen, dass bildende Künstler existierten, die sich ih-
re Aufgaben selbst stellten und sich in freiem Gedankenspiel Ge-
genstände ihrer Darstellungskraft aussuchten. Sie brauchten jeman-

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