Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 72
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Die Bildnisse des Epikur und des Zenon

und Mass zu gewinnen versuchte, wobei er ihnen seinen eigenen
Lebenswandel als Beispiel darbot, das dem, was er lehrte, völlig ent-
sprach, hat das Volk beschlossen - möge es Glück bringen -, den Ze-
non, des Mnaseas Sohn, aus Kition zu loben und ihm in Anerken-
nung seiner Tugend und Besonnenheit entsprechend den Gesetzen
einen goldenen Kranz zu verleihen und ihm auf Staatskosten ein
Grabmal im Kerameikos zu errichten. Was aber die Anfertigung des
Kranzes und die Ausführung des Grabmals anlangt, so soll das Volk
durch Abstimmung fünf Männer von Athen damit beauftragen.
Diesen Beschluss soll der Staatsschreiber auf zwei steinerne Stelen
eintragen lassen, und es soll ihm erlaubt sein, die eine in der Aka-
demie, die andere im Lykeion (den beiden bekanntesten Schulen
von Athen) aufzustellen. Die Kosten für die Stelen aber soll der Vor-
steher der Finanzverwaltung ihm zuteilen, auf dass allen kund wer-
de, dass das Volk der Athener die tüchtigen Männer in Ehren hält,
und zwar sowohl zu Lebzeiten wie nach dem Tode. Gezeichnet von
den Mitgliedern der Kommission."

In diesem Dekret ist nicht von einer Bildnisstatue die Rede, von
der nur die Repliken des Kopfes in Neapel und Kopenhagen zeu-
gen. Man darf sich den Vorgang einer Bildnisehrung aber ähnlich
formalisiert vorstellen, denn Diogenes Laertios (7, 6) erwähnt kurz
vor dem im Wortlaut wiedergegebenen Dekret im gleichen Atem-
zug mit dem goldenen Ehrenkranz eine Bildnisstatue Zenons. Sie
wird schon vor dem Dekret entstanden sein, war deshalb keine Auf-
gabe mehr, und die Vermutung, dass in diesem Fall der Auftrageber
der Makedonenkönig selbst war, ist gut begründet.

Uber die Auseinandersetzungen von Auftraggeber und Schöpfer
der Kunstwerke kann man sich alle möglichen Gedanken machen.
Gewiss ist, dass es einen Dialog gab und dass Auftraggeber und Pu-
blikumserwartungen bei der Schaffung eines Kunstwerks eine Rol-
le spielten. Im Verein mit der Handschrift des Künstlers ergibt dies
den Stil eines Kunstwerks, der aus der Sehweise einer bestimmten,
mehr oder weniger begrenzten Zeit stammt und zur Datierung ei-
nes Werkes verhelfen kann, wenn man sich wieder genügend in die-
se Sehweise vergangener Zeit eingesehen hat. Bei einer Zeit, aus der
so wenige sicher datierte und benannte Werke überliefert sind, ist
das schwierig, doch vielleicht nicht unmöglich, wenn man nur alle
Werke ausschliesst, die, wenn sie aus einer anderen Zeit als der ver-
muteten stammen sollten, den Blick verstellen.

Das Ehrendekret für Zenon ist deshalb wichtig, weil es den An-
spruch beschreibt, der als Voraussetzung für eine solche Ehrung
angesehen wurde. Von den Philosophen des halben Jahrhunderts
zwischen dem Tode Zenons (262/61) und demjenigen des
Chrysippos (208/204 v. Chr.) hat offenbar keiner diesem Anspruch
genügt.

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