Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 73
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Die Sitzstatue des Poseidippos

15. Die Sitzstatue des Poseidippos

Wir müssen deshalb die um die Mitte des dritten Jahrhunderts ent-
standene, seit kurzem wieder kenntlich gewordene Sitzstatue des
Komödiendichters Poseidippos heranziehen, der mit etwa 60 Jah-
ren starb. Im Vergleich zum Bildnis Epikurs, mit dem er zwar die
frontale Ausrichtung und den Kontrapost der allerdings etwas
plumper aufgestellten Beine teilt, fällt die betonte Beweglichkeit
der Hände auf, während der wohlgenährte Körper sich gehenlässt
und ein wenig nach vorn sackt. In seinem Sessel mit schwingenden
Beinen, weichem Kissen und ausladender, breiter Lehne hat er sich
bequem hingesetzt. Es ist kein gestrafftes Sitzen oder gar Thronen
wie bei Epikur. Die Rechte hält eine Papyrusrolle so momentan im
Schoss, dass man den Eindruck gewinnt, der Dichter könne sie so-
fort öffnen, um den Satz, den er geschrieben hat, mit dem zu ver-
gleichen, dessen Rhythmus er gerade in Gedanken zu erproben
scheint. Der Mantelzipfel, der zwischen den Oberschenkeln senk-
recht herabfällt, leitet den Blick zu der Hand mit der Schriftrolle,
und hebt so den Beruf des Dargestellten hervor. Seht, er ist ein
Dichter! Die schräg vor dem Oberkörper frei erhobene Linke wen-
det dem Betrachter den Handrücken zu. Der beringte vierte Finger
und der kleine Finger sind stark, Mittel- und Zeigefinger kaum ge-
krümmt, der Daumen hebt sich nach oben ab. Die Hand ist also
nicht ganz locker, sondern bei der Gedankenarbeit leicht ange-
strengt und scheint sich ruckhaft vor- und zurückzubewegen, je-
denfalls nicht auf und ab. Der Dichter überzeugt sich selbst von der
Treffsicherheit seines Satzes, indem er seinen Wortfall erprobt. Der
Blick ist nach innen gerichtet, das Gesicht zweifelnd und abwägend
verzogen. Die linke Braue ist höher nach oben geschoben als die
entspannte rechte, und auch der breite Mund ist leicht asymme-
trisch. Die Jochbeine der Brauenbögen greifen über die Augen-
höhlen und sind nicht durch einen kräftigen Brauenwulst gefüllt
wie beim Bildnis Epikurs.

Die Individualisierung des Gesichtes mit all seinen physiognomi-
schen Zufälligkeiten ist weiter fortgeschritten. Zum Beispiel sind
die strähnigen Haare nicht mehr in abgestuften Kreisen um die
Schädelkalotte gelegt wie beim Philetairos und beim vorn freilich
kahleren Zenon, sondern sie fallen besonders an den Seiten und hin-
ten weniger geordnet übereinander. Sie sind auch dünner und sei-
diger, in strähnigen Fransen schräg in die Stirn gekämmt, nicht mit
umbiegenden, flammenartigen Spitzen sorgfältig über der Stirn ver-
teilt wie beim Menander und bei Epikur. Auch das Aufspringen der
Locken um das Gesicht, welches das Bildnis des Philetairos aus-
zeichnete, begegnet hier nicht. Dieses Porträt ist so fortschrittlich,
dass man es, bevor es in einer "Sternstunde der kriminalistischen

Poseidippos
Florenz, Mus.Arcli.
Um 250 v. Chr.

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