Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 77
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Ein ptolemäisches Siegesmonument: Die Ringergruppe

17. Ein ptolemäisches Siegesmonument: Die Ringergruppe

Beim Nachdenken über das eigenartige Motiv der Hände beim ste-
henden Wächter von Belevi, deren eine unter den Oberarm gelegt
und dadurch an der Bewegung gehindert wird, kommen einem ver-
gleichbare Motive der "Fesselung" der Hände in den Sinn, die man
von der Demosthenesstatue über die Sitzstatue des Epikur bis zur
erst zu Beginn des folgenden Jahrhunderts entstandenen Sitzstatue
des Antisthenes immer wieder findet. Man muss dabei auch an die
in mehreren Fassungen überlieferte Gruppenschöpfung eines pto-
lemäischen Siegesmonumentes denken, das den Pharao in pyrami-
dalem Aufbau über einem niedergerungenen, im wahrsten Sinne
des Wortes ins Knie gezwungenen Barbaren zeigt.

Die Schöpfung geht wahrscheinlich auf die Zeit Ptolemaios' III.
(246-221 v. Chr.) zurück, wurde aber auch unter Ptolemaios V.
(210/205-180 v. Chr.) wieder dargestellt. Man kennt die Gruppe von
stark verkleinerten Nachbildungen in Bronze. Da diese die Por-
trätzüge des regierenden Königs zeigen, kann man sie datieren und
eine Reihe bilden, in der sie von etwa 240 bis 180 v. Chr. eine inter-
essante stilistische Entwicklung durchmachen. Der Beginn wird
durch eine Wiederholung in Istanbul (S. 80) markiert, wo der Sieger
als Hermes gebildet ist und die Züge des dritten Ptolemäers
(246-222/21 v. Chr.) trägt, das Ende von einer Gruppe in Athen, die
den fünften Ptolemäer (204-180 v. Chr.) als knabenhaften Sieger mit
der Königsbinde zeigt. Die Gesichtszüge sind in beiden Fällen un-
verkennbar, die Datierung innerhalb eines gewissen Zeitraums also
nicht zweifelhaft. Es gibt gute historische Gründe, die frühere Grup-
pe, für die hier auch eine Replik in München abgebildet wird, um
240 v. Chr., die spätere kurz vor 197 v. Chr zu datieren. Für das hier
Darzulegende ist eine Datierung aufs Jahr genau weniger wichtig
als die gesicherte zeitliche Abfolge, welche die Stiltendenzen offen-
baren muss.

Die Gruppen sind in der dargestellten Handlung recht ähnlich.
Unter Anwendung einer gekonnten Ringertechnik hat der Pharao
seinen barbarischen Gegner immobilisiert. Mit der Linken biegt er
ihm den rechten Arm unter geschickter Ausnutzung der Hebelwir-
kung zurück, so dass der Unterlegene mit nach vorn gebeugtem
Oberkörper nachgibt, ins Knie sinkt und sich mit dem linken Arm
am Boden abstützen muss, weil der Sieger seinen Kopf mit aller Ge-
walt nach unten drückt. Im gleichen Augenblick stellt der Pharao
blitzschnell sein linkes Bein zwischen Oberkörper und Oberschen-
kel des Knienden über dessen am Boden aufgestelltes, gewinkeltes
Bein und setzt dabei den Fuss auf den Widerrist des Fusses des Bar-
baren, so dass dieser rettungslos gefesselt ist. Er kann weder vor
noch zurück. In der Gruppe divergieren alle Achsen in einer für die
hellenistische Kunst charakteristischen Weise. Die Gruppen bieten

Ringergruppe
Athen, Ethnikon
Mouseion.
Um 200 v. Chr.

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