Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 80
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Ein ptolemäisches Siegesmonument: Die Ringergruppe

Verflechtung der Figuren gewaltsamer, die Körperachsen sind noch
einmal um einen Grad gegenüber der Istanbuler Gruppe angezo-
gen. Die Biegung, die von seiner rechten Ferse bis zur linken Schul-
ter durch den Rücken des Siegers der Athener Gruppe geht, zeigt
eine übertriebene Torsion. Die Gliedmassen aller Figuren erschei-
nen verlängert, so dass die Hebelwirkung des Ringergriffs, mit
dem der Besiegte niedergehalten ist, besonders stark wirkt. Der
rechte Arm des Siegers ist kaum noch gebeugt, sondern presst den
Kopf des Unterlegenen mit gestreckter Kraft nach unten. Dieser
biegt aber nicht entkräftet weg, sondern versucht, mit gespannter
Muskulatur dem Druck entgegenzuwirken und den Kopf nach
oben zu drängen. In der Gruppe von Athen erscheinen auf diese
Weise die Motive der Istanbuler Gruppe outriert. Noch einmal be-
währt sich das hellenistische Stilprinzip der Steigerung als Agens
der Entwicklung.

Die Gruppe zeigt in ihren verschiedenen, zeitlich aufeinanderfol-
genden Versionen eine bewusste Auseinandersetzung der Künstler
mit den vorhergehenden Schöpfungen, die sie sich durch spezifi-
sche Veränderungen zu eigen machen. Diese Veränderungen sind
Arkeoloji Müzesi. nicht einfach inhaltlich bedingt, sondern stilbestimmt. Es geht dar-

Um 240 v. dir. um, komplexere Kräfte anschaulich zu machen (S. 100). In diesem

Sinn zeigt auch die pompejanische Sitzstatuette eines Philosophen,
die wir für einen Nachklang der Bildnisschöpfung des Phyroma-
chos halten, abgesehen vom Motiv der Fesselung der Hände eine
durchgehende Anspannung des ganzen Leibes, eine gewaltsame
Verschiebung aller Achsen, ein outriertes Pathos, das ein Zug der
Zeit des beginnenden zweiten Jahrhunderts v. Chr. gewesen zu sein
scheint.

Ringergruppe
Istanbul

18. Die Grosse Galliergruppe

Mit der Betrachtung der Reihe der Sitzbilder von Intellektuellen des
dritten Jahrhunderts, an deren Ende diejenige des Chrysippos und
der schon jenseits dieser fiktiven Zeitgrenze entstandene Antisthe-
nes stehen, kann man die Entwicklung der Plastik an einer be-
stimmten Motivreihe verfolgen, neben der aber nicht weniger wich-
tig die Betrachtung von Gruppenkompositionen ist, welche in die-
ser Zeit die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und alsbald eine gross-
artige Entwicklung erfahren sollten. Die ptolemäische Ringergrup-
pe ist nur ein Beispiel. Auch die mit der unsichtbaren Badedienerin
g . eine Gruppe bildende Aphrodite des Doidalsas ist hier zu nennen.

Gallier und sein Weib Eine alle anderen übertreffende, vielfigurige, grosse Gruppenschöp-
Rom, Mus. Naz. run8 der Zeit ist die Gruppe der sogenannten Grossen Gallier, die

Palazzo Altemps. Attalos L nach seinen Siegen über die Galater im Heiligtum der

230-220 v. Chr. Athena auf der Burg von Pergamon aufstellen Hess.

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