Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 89
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Damophon von Messene und die alexandrinische Kunst

Söldner einen Monat
lang besolden können.
Doch nicht nur über
jjflf^'' W£jtSbtj£\, die Grossherzigkeit

/Zffc t^lfil des Damophon berich-

JH *~ tF- tet die Inschrift, son-

dern sie enthält auch
eine für die Chronolo-
gie des Künstlers ent-
scheidende Informati-
on, nämlich die Be-
rechnung der Summe
in Tetradrachmen. Die-
se Währung in Tet-
radrachmen wurde
um 191 v. Chr. durch
ein neues Hauptnomi-
nal, den Triobolos, er-
setzt. Das lehrt, wie
der bekannte Numismatiker Peter Robert Franke bestätigt, dass Da-
mophon seine Werke vor diesem Zeitpunkt geschaffen haben muss,
wahrscheinlich zwischen 223 und 191 v. Chr., dass er also der Schöp-
fung des Pergamonaltares (zwischen 166 und 156 v. Chr.) um mehr
als eine, möglicherweise zwei Generationen voraufging, ebenso wie
Michelangelo dem Bernini, der erst 34 Jahre nach dem Tode seines
grossen Vorgängers geboren wurde.

Nun stellt sich das Problem, die neue Information nach allen Rich-
tungen hin zu prüfen. Man fürchtet, dabei eine Lawine loszutreten.
Wenn die neue Datierung richtig ist, zieht sie die Umdatierung einer
ganzen Reihe bedeutender hellenistischer Skulpturen nach sich, von
denen der kolossale, dreifach Überlebensgrosse Kopf des "Zeus" von
Ägira (nach neuer, überzeugender Deutung eher des bärtigen Diony-
sos), der Asklepios von Munichia und die Athena des Eubulides drei
weitere Publikumslieblinge im Athener Nationalmuseum darstellen.
Alle diese Werke sind nicht durch äussere Umstände datiert. Prüft
man erneut ihr Verhältnis zum Pergamonaltar, so könnte man sich
gut vorstellen, dass sie diesem vorausgehen und dass die Kunst der
Bildhauer des Altares darin bestand, die aus der späten Klassik des
vierten Jahrhunderts v. Chr. heraus entwickelte und im dritten Jahr-
hundert tradierte klassische Form ins Barocke zu übersteigern.

Allerdings wird man Gewissheit über den Ablauf der Stilentwick-
lung an der Wende vom dritten zum zweiten Jahrhundert v. Chr. erst
dann gewinnen, wenn man wenigstens eine der zahlreichen Skulp-
turen aus der Werkstatt oder dem weiteren Umkreis des grossen Da-
mophon von Messene aus historischen Gründen exakt datieren und
damit einen Fixpunkt der Chronologie gewinnen kann.

Brokntmantel
der Despoina

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