Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 93
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Damophon von Messene und die alexandrinische Kunst

nem Weg, der vom Asklepios des Phyromachos zum Herakles des
Mithridates VI. führt, nicht vorstellbar. Denn er tradiert nicht Stil-
elemente in abgemilderter Form weiter, die zuerst von Phyroma-
chos entwickelt wurden, sondern er bildet einen Markstein auf dem
Weg, der zur kunstvollen Verwandlung der Natur in den Schöpfun-
gen des Phyromachos und in dem von ihm bestimmten Pergamon-
altar hinführt. Historische Überlegungen und kunstgeschichtliche
Analyse führen zum gleichen Ergebnis. Damophon ist kein Nach-
folger, sondern ein um eine bis anderthalb Generationen älterer Vor-
gänger des Phyromachos. Dieser stammte aus Athen und braucht
die Werke des Damophon nicht gekannt zu haben, weil er deren Stil
auch in anderen Werken der Zeit, zum Beispiel im schon erwähnten
kolossalen Kopf von Aigeira gesehen haben kann. Dieser Stil war in
seiner Jugend und Lehrzeit in Athen gang und gäbe. Er leitet sich in
direkter Linie von den bärtigen und langhaarigen Köpfen des Brya-
xis und anderer Meister des vierten Jahrhunderts her und findet
sich, im Sinne des dritten Jahrhunderts weiterentwickelt, auch im
Kopfe einer Vatergottheit aus Troja in Istanbul. Dieser Stil scheint
massgeblich von Alexandria her bestimmt, das im dritten Jahrhun-
dert eine tonangebende Rolle spielte. In römischen Kopien ist dieser
Stil ebenso nachgeahmt worden, wie auch der einen entscheidenden
Schritt weiter gehende Stil des Phyromachos in der römischen Ko-
pie in Syrakus tradiert wird. In jedem Fall kann man das Entschei-
dende des späteren Stils definieren. Es ist der Schritt zum Barock,
den entschlossen erst Phyromachos tut.

20. Thoinias: Skirtos

Der Boden für den wohl wichtigsten Schritt in der gesamten helle-
nistischen Kunstgeschichte, den Schritt zum Barock, wurde in Per-
gamon vorbereitet. Noch in der römischen Literaturgeschichte wur-
de der pathetische, um nicht zu sagen schwülstige Stil als asianisch
bezeichnet. Barock ist seiner Entstehung nach ein mit Pergamon,
das in der Provinz Asia lag, verbundenes Phänomen. In Pergamon
stand die grosse Galliergruppe aus den zwanziger Jahren des drit-
ten Jahrhunderts, und hier stand ein im Altertum berühmtes Werk,
der tanzende Satyr, griechisch Skirtos, des nicht unbekannten Bild-
hauers Thoinias.

Skirtos war der von griechisch skirtao = hüpfen, springen, tanzen
abgeleitete Name eines Satyrn, der als Begleiter des Dionysos auch
in der Anthologia Graeca 7, 707, 3 und in den Dionysiaka des Non-
nos 14, 111 begegnet. Die Statue stellte demnach einen tanzenden
Satyr dar. Als Künstler wird in der Inschrift Thoinias genannt, ein
Bildhauer, von dem einige Daten bekannt sind. Er galt als ein Sohn
des Eutychidesschülers Teisikrates, dem wir wahrscheinlich den

Seife 92: Anytos von
Lykosura, Klytios
vom Ostfries des
Pergamonaltares,
Asklepios 'Blacas',
London, Brit. Mus.
Spätes 3. bis 2. H.
2. ]h. v. Chr.

Herakles der Gruppe
Mithridates' VI.
Vatikan, Museo
Chiarainonti.
88-85 v. Chr.

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