Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 95
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Die Sitzstatue des Chrysippos

21. Die Sitzstatue des Chrysippos

Nach der Betrachtung datierter Skulpturen aus der zweiten Hälfte
des dritten Jahrhunderts v. Chr. und insbesondere der im letzten
Viertel entstandenen Werke des Damophon und seines Umkreises
sowie der Bedeutung von Pergamon mit seinem neuartigen Kunst-
wollen in dieser Zeit kehren wir zu der Reihe von Sitzstatuen dieses
Jahrhunderts zurück, die es erlaubt haben, die Stilwandlungen seit
der ins Jahr 290 v. Chr. datierten Statue des Menander und der
271 /70 datierten Statue des sitzenden Dionysos vom Thrasyboulos-
monument am Südabhang der Akropolis und der etwa gleichzeiti-
gen des Epikur zu verfolgen. Nach einer Lücke von vierzig bis fünf-
zig Jahren seit der Schöpfung der Statue des Poseidippos von ca. 250
v. Chr. ist diejenige des Chrysippos die erste wieder sicher datierte
Statue dieses Typs, der auch im zweiten Jahrhundert noch seine
Fortsetzung finden sollte.

Man konnte das Sitzbildnis des Chrysippos aus einem Torso im
Louvre und einem durch die Mantelfalten am Hals als zugehörig zu
einer Replik des gleichen Statuentypus erwiesenen Kopf in London
rekonstruieren. Die Benennung ist durch einen Neufund in Athen Chrysippos
inschriftlich gesichert. Der Statuentypus ist ausserdem durch eine Neapel, Mus. Naz
variierte Statuette im Konservatorenpalast und durch eine genaue "m ^05 o. Chr.
Wiederholung in Kyrene belegt, vom Kopf gibt es mehrere Repli-
ken. Die exakteste ist die eines Hermenkopfes in Neapel.

Zieht man diesen zum Vergleich heran, so hat man den Eindruck ei-
ner geradlinigen Entwicklung von den bisher betrachteten Köpfen
her. Die Stirnpartie ist in noch stärkere Bewegung geraten. Im Gegen-
satz zum Poseidippos ist hier die rechte Braue höher, und zwar ent-
schieden höher hinaufgezogen, die linke nicht glatt geschwungen,
sondern in kleinen, fast ein Zickzack bildenden Falten zur Nasenwur-
zel hin zusammengedrückt. Die Falten in der Stirn sind gegenüber al-
lem, was man bisher gesehen hat, vertieft und bestimmen den Ein-
druck der durchfurchten Denkerstirn. Krähenfüsschen füllen die äus-
seren Augenwinkel, die Wangenhaut ist erschlafft, die Alterszüge des
über Siebzigjährigen sind betont. Der Schädel ist oben kahl, und nur
ein Kranz von schütteren Haaren zieht sich von den Schläfen zum
Hinterkopf. Der Bartwuchs ist kurz gehalten, aber nicht sorgfältig ge-
schnitten. Er weist Unregelmässigkeiten auf, ein Haarbüschel, wo es
gewöhnlich nicht wächst, dazwischen kahle Stellen, ein Defekt, der ei-
ne moralische Stellungnahme zugunsten der unteren Gesellschafts-
schichten der Bauern, Fischer, Sklaven anzeigen könnte. Als Stilmittel
bezeugt es die fortschreitende Individualisierung in der Porträtkunst.
Immer genauere Erfassung des Naturvorbildes ist zweifellos eines der
Entwicklungsprinzipien hellenistischer Plastik. Dieses Prinzip musste
nach und nach zum Verismus führen, und das wiederum musste eine
Reaktion auf den Plan rufen, wie sich alsbald zeigen sollte.

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