Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 113
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Nikeratos: Das Bildnis des Königs Eumenes, die
Asklepios-Hygiea-Gruppe und die Palladionraubgruite

dische Inschrift bekannt gewordene Asklapon, Sohn eines Phyroma-
chos, gewesen sein, dessen dorische Namensform die Herkunft aus
Rhodos zu bestätigen scheint, dann wäre Phyromachos von Athen
der Enkel eines älteren Phyromachos und stammte auch aus Rhodos.
Man müsste annehmen, dass er nach Athen ausgewandert ist und
seinen Vater nicht nennt, weil dieser aufgrund der Namensform of-
fensichtlich nicht Athener war. Das einzige, was man für diese Ver-
mutung anführen kann, ist neben der Seltenheit des Namens Phyro-
machos die Tatsache, dass man im Stil des Phyromachos eine rhodi-
sche Komponente glaubt ausmachen zu können, wie im folgenden
zu zeigen sein wird. Um die Eigenart des Phyromachos noch genau-
er zu erfassen, muss deshalb ein weiteres Werk aus der Zeit, als er
selbst jung war, betrachtet werden, das jene neben Athen besonders
blühende Kunstlandschaft des Hellenismus vertritt, nämlich die In-
sel Rhodos. Gemeint ist die Nike von Samothrake.

25. Die Nike von Samothrake

Überschritten wird die Jahrhundertgrenze so wie im Bildnis des Kö-
nigs Eumenes II. und in der Palladionraubgruppe mit einem aus-
sergewöhnlich bedeutenden plastischen Bildwerk, das als ein Inbe-
griff hellenistischen Kunstwollens bezeichnet werden darf: die Nike
von Samothrake. Das Bildwerk wurde 1863 von dem französischen
Konsul von Edirne im europäischen Teil der Türkei am höchsten
Punkt des Ruinengeländes des Kabirenheiligtums von Samothrake
gefunden. Es war in annähernd hundert Fragmente zerbrochen,
konnte aber bis auf den Kopf und die beiden Arme wieder weitge-
hend zusammengesetzt werden. Die ungemein eindrucksvolle Auf-
stellung auf dem oberen Treppenabsatz des Louvre, zu dem in drei
Absätzen 54 Stufen hinaufführen, lässt etwas von der Wirkung des
ohne Kopf schon 2,45 m, ursprünglich also fast 3 m hohen Bild-
werks auf den antiken Betrachter ahnen.

Die geflügelte, von ihrem Gewand wie von Meereswellen um-
rauschte Frauengestalt scheint im dargestellten Augenblick mit aus-
gebreiteten Schwingen auf dem Sturmdeck eines dahinfahrenden
Schiffes gelandet zu sein. Das Schiff war oberhalb des Theaters von
Samothrake in einem rechteckigen Becken so aufgestellt, dass man
den Bug das Wasser durchpflügen sieht. Wie gewöhnlich in der An-
tike, war als pars pro toto nur die Prora des Schnellruderers mit dem Nike von Samothrake
Ansatz der Ruderkästen auf beiden Seite dargestellt. Es ist ein rho- Paris, Louvre.
discher Schiffstyp, und die Basis des Schiffsdenkmals besteht aus Li-
thos Lartios, einem nur in Rhodos anstehenden marmorartigen bläu-
lichen Kalkstein. Man muss daraus schliessen, dass die Siegesgöttin
eine rhodische Stiftung ist. Sie sollte einen Seesieg verherrlichen,
und da die Keramikscherben, die in der Fundamentierung des

Um 190 v. Chr.

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