Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 120
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Phyromachos: Der Asklepios von Pergamon, der Gigantenfries

des Pergamonaltares und der Gigant des Attalischen Weihgeschenks

Pergamenische
Bronzemünze in
Berlin, Staatl. Mus.,
Münzkabinett.
Um 135 v. Chr.
Abdruck, Umzeich-
nung, Zahlung der
Locken beim Kopf des
Asklepios auf der
Münze und in
Syrakus, Museo
Regionale.

gebildet, dass man zwanzig sehr eigenwillig gestaltete Locken er-
kennen und numerieren kann, die völlig übereinstimmend an der
Kopie in Syrakus wiederkehren und im Verein mit den ebenfalls
ziemlich genau getroffenen Gesichtszügen erlauben, Münzbild und
plastische Marmorkopie auf das gleiche Original, das rund drei Me-
ter hohe bronzene Sitzbild des Asklepios aus dem Asklepiostempel
im Nikephorion von Pergamon zurückzuführen. Dieses hoch-
berühmte Kultbild dürfte um 175 v. Chr. als pergamenisches Auf-
tragswerk geschaffen worden sein.

Der imposante Kopf zeigt einen mächtigen Kranz langer, in gros-
sen Wellen übereinanderfallender Haare, die sich von den kürzeren,
die Kalotte umkreisenden Locken am Hinterkopf abheben. Ein
Schnurrbart legt sich mit Sichellocken um die vollen Lippen und die
Mundwinkel. Der füllige, in der Mitte geteilte Bart hat tief ausgear-
beitete Korkenzieherlocken. Diese Haarfülle umrahmt ungewöhn-
lich grosse, markante Gesichtszüge. Die Stirn sinkt unterm Haaran-
satz ein wenig ein, um noch kurz über der Mitte zu zwei deutlich
vorspringenden Höckern über den inneren Augenwinkeln heraus-
getrieben zu werden. Die rechte Augenbraue verläuft in einem
durchgehenden schönen Bogen von der Flanke der breiten Nase zur
Schläfe und bildet einen wenn schon nicht scharfen, so doch deutli-
chen Grat, die linke ebenso geformte Braue macht über dem inneren
Augenwinkel eine ganz leichten Knick, so dass sich eine belebende,
feine Asymmetrie des Brauenschwungs zeigt. Die Augen sind, be-
sonders bei den inneren Winkeln ungewöhnlich stark eingetieft,
und die Winkel selbst, zwischen den Tränenkarunkeln und dem Na-
senansatz, bilden eine verhältnismässig breite Mulde, so dass die
Augen eher rund als länglich erscheinen. Die Lider sind aber weder
kreisförmig noch mandelförmig geschnitten, sondern das Oberlid
schwingt höher und runder nach oben als die knapperen in einer
flacheren Kurve sich öffnenden Unterlider, die jedoch einen ver-
hältnismässig breiten, von der Wangenfläche abgehobenen Rand
haben. Die Oberlider sind kräftiger und schärfer unterschnitten, ha-
ben nach oben und innen hin eine Furche unter dem knapp anset-
zenden und nach aussen hin breit ausschwingenden Orbitalmuskel,
unter dem die Lider am äusseren Augenwinkel verschwinden. Die-
ser fast geblähte Muskel überschneidet die äussere Spitze des
sphärischen Zweiecks, das die Augenumrandung bildet, und zieht
sich bis zum Schläfenbein hinunter.

Die Entwicklung der Handschrift des Meisters, der den Asklepios
geschaffen hat, lässt sich eindringlich an der Formung der Haare
verfolgen. Man beobachtet eine unmittelbar nachzuvollziehende
Stilübereinstimmung nämlich nur bei den drei Werken, die auf ganz
verschiedenen Wegen, epigraphisch, numismatisch oder literarisch
mit dem Namen des Phyromachos unlöslich verbunden sind, dem
Antisthenes und den beiden hier in nähere Betrachtung gezogenen

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