Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 125
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Der Pergamonaltak: Ostfries

Die Schlange hatte ihm das rechte gebeugte Bein und den linken
Arm mit den Windungen ihres schuppigen Leibes gefesselt und ihm
das Gift eingespritzt. Der Schwanz der Schlange schlägt mit kurzen
zuckenden Wellen neben dem rechten Oberschenkel des Giganten
durch die Luft, während der vordere Teil des Schlangenleibes hinter
dem Rücken mit einem grossen Mäander hervorkommt und sich ne-
ben dem Oberkörper zu einer jetzt verlorenen, frei herausgearbeite-
ten Windung aufrollt. So konnte das Reptil von vorn angreifen und
den Giftzahn in den rechten Brustmuskel des Giganten schlagen.
Flatternd stellen sich dessen grosse Adlerflügel auf und geben der
Gruppe ein bewegtes Relief, das den oberen Teil der Platte neben
Athenas bis zum Gesims reichenden Kopf ausfüllt. Die linke ausge-
breitete Hand streckt der Gigant parallel zu seinem Bein schräg
nach unten, wo eine riesige weibliche Figur zur Hälfte aus dem Bo-
den auftaucht. Sein linker Fuss erreicht noch ihre Seite. Es ist Mut-
ter Erde, die ihrem Sohn immer neue Kraft verleiht, solange er sie
berührt. Deshalb muss Athena Alkvoneus in die Höhe reissen. Dass
sie dies tut, wird allerdings nur dann deutlich, wenn man das Vor-
bild kennt, von dem die Gestaltung der Szene ganz offensichtlich
angeregt wurde, die Skylla vom Typus der Gruppe in Sperlonga.
Wir müssen darauf zurückkommen (S. 174f.).

Zunächst sei die Halbfigur der Gc genauer betrachtet, wie die
griechische Beischrift links von ihrem Kopf die Erde bezeichnet.

Das mächtige Haupt der Frau ist umwallt von langen, sich schlän-
gelnden Haarsträhnen. Die tiefliegenden, grossen Augen wendet sie
Athena zu und hebt flehend die Rechte, während die Linke abweh-
rend ausgebreitet ist. Diese ragt senkrecht mit einem kurzen Stück
des Unterarms aus dem Boden und scheint sagen zu wollen, dass

Ge den Angriff ihrer Kinder gegen die Unsterblichen missbilligt. Ostfries, Ge
Das von Trauben, einem Pinienzapfen und Obst überquellende Füll-
horn hinter ihrer Schulter drückt aus, dass ihre eigentlichen Ge-
schenke die Früchte der Erde sind.

Die ehrfurchtgebietende Gestalt ist mit sicherem Formgefühl in
den dreieckigen Ausschnitt zwischen den sich mit ihren Achsen ein-
ander zuneigenden Gestalten von Nike und Athena - unter deren
Schild - eingefügt. Besonders eindrucksvoll sind die drei überein-
ander in verschiedener Beugung durch den Raum greifenden Arme
von Ge, Athena und Nike, die von unten nach oben in der Proporti-
on kleiner werden. Der Meister hat hier jeden Parallelismus vermie-
den, wodurch der Parallelismus zwischen linkem Arm und Bein des
Alkyoneus nur um so bewusster beabsichtigt erscheint. Die offene
Handfläche des Giganten zeigt, dass die Verbindung zur lebenspen-
denden Kraft der Mutter abreisst, die die ausgestreckte Fussspitze
eben noch berührt. Will Athena ihn von der Mutter lösen, dann
muss sie ihn hochreissen, und diese Bewegung wird durch das
Hochschlagen der Flügel des Giganten vorweggenommen. Das

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