Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 128
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Der Pergamonaltar: Ostfries

Makedonischer
Schild

unter dem Gespann
der Hera

gefährlichen Gegner, weil dieser durch die Erde immer neue Kraft er-
hält. Nike bekränzt sie dafür und zeigt damit den Sieg der Götter an.
Zeus als deren Anführer erledigt mit seinen Blitzen drei und mehr Gi-
ganten auf einmal. In diesem Moment fasst er den sich auf seinen
Schlangenbeinen erhebenden Porphyrion ins Auge, schüttelt die Ägis
gegen den Giganten, der sich als Gegenstück ein wolliges Bärenfell an
Stelle eines Schildes um den linken erhobenen Arm gewickelt hat.
Welche Waffe Porphyrion führte, ist nicht mehr erkennbar, weil sein
rechter auf der mittleren Platte befestigter Arm mit deren Relief ver-
loren ist. Wahrscheinlich war es ein Feldstein, ein gegenüber dem
Blitz des Zeus total unterlegenes Wurfgeschoss, ebenso wie das
Bärenfell im Vergleich zur schweren, schlangengesäumten Ägis wir-
kungslos ist. Über dem vom Bärenfell umwickelten Arm sieht man
noch den Flügel und den Körper eines mächtigen Vogels. Es ist ein
Adler des Zeus, der, von oben heranfliegend, den Kopf des Giganten
angreift. Die gefiederte Schwinge nimmt das Motiv der Flügel von
Nike und Alkyoneus in der rechten Hälfte der Komposition auch in
der linken wieder auf. Das alles ist sehr durchdacht und zeigt einen
sorgfältig entwerfenden und komponierenden Geist, der nicht vom
horror vacui, sondern durch eine Bewegungen und Massen sorgfältig
auswägende Absicht bestimmt ist.

So bedauerlich das Fehlen der Figuren der Mittelplatte dieser aus
neun Platten gefügten Komposition der Kampfgruppen um Athena
und Zeus sein mag, noch mehr zu beklagen ist der fast völlige Ver-
lust der links davon zum Zentrum des ganzen Ostfrieses zählenden
Platte. Die als einziges erhaltene, in die Luft gewirbelte Pranke eines
Löwenfells bezeugt, dass auf dieser Platte der Sohn von Zeus und
Alkmene, Herakles, dargestellt war, ohne dessen Hilfe die Götter
nicht hätten siegen können. Dass Herakles an dieser Stelle kämpfte,
bezeugt auch die Nennung seines Namens in der Inschrift unter
dem Gesims. Aber es ist müssig, über die genaue Form zu spekulie-
ren, in der dieser zentrale Kämpfer erschien. Der Einfallsreichtum
der Gesamtkomposition wird an dieser entscheidenden Stelle erst
recht nicht versagt haben. Man muss deshalb schon dankbar sein,
dass die für diese Stelle zu vermutende Anordnung des Helden
durch die genannten Elemente - die Pranke seines Löwenfells und
die Inschrift - gesichert ist, auch wenn sein Bewegungsmotiv nicht
mehr kenntlich ist.

Besonders eindrucksvoll muss das links an die Heraklesplatte
anschliessende Zentrum der ganzen Komposition gewesen sein,
dessen Gestaltung sich, was den Inhalt angeht, sicher, was die Form
betrifft, nur ungefähr bestimmen lässt. Hier war das Viergespann
Heras dargestellt, das wie das Viergespann des Perserkönigs im
Alexandermosaik einige Männer überrennt. Unter den Hufschlag
der Pferde ist ein Schild mit zwölfstrahligem Stern geworfen. Das ist
das makedonische Hoheitszeichen. Dieser an so herausragender

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