Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 130
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Der Pergamonaltar: Ostfries

dem linken Beipferd, ausmachen kann. Sie sind geflügelt, und dies
wird man auch für die Stangenpferde voraussetzen dürfen. Dieses
Gespann ist dadurch als göttlich bezeichnet.

Bedauerlicherweise gibt es zwischen dem Zentrum des Ostfrieses
und den neun Platten auf der linken Seite, die dicht mit Figuren be-
setzt sind, eine grosse Lücke. Hier ist nur ein bedeutender, nach
links gewandter Kopf eines Giganten angeordnet, der, nach seinem
Stil zu urteilen, zum Ostfries gehören muss und der Gegner Apol-
lons gewesen sein könnte. Für die Lücke ist eine Darstellung der
Göttin Demeter zu vermuten, die sonst fehlen würde. Allerdings
entgehen wegen der Lücke die von der Mitte ausgehenden, zum lin-
ken Drittel übergreifenden Bezüge, wie man sie von der Mitte zur
rechten Seite feststellen kann.

Evident ist hingegen die Andersartigkeit des linken Drittels ge-
genüber dem rechten, wo die beiden grossen, sich parallel zur Bild-
ebene entwickelnden Figuren von Zeus und Athena die Szene be-
herrschen. Neun Platten werden hier nur von den beiden obersten
Göttern und Nike eingenommen, während links die dreileibige He-
kate und die Dreiheit Artemis, Leto und Apollo in neun Platten
Platz finden müssen. Der Kampf richtet sich hier immer nur gegen
einen Gegner. Andere sind schon überwunden. Zu Füssen Apollos
sinkt ein Gigant nieder, und Artemis schreitet über einen rücklings
Hingestreckten hinweg, und einen weiteren beisst ihr Hund zu To-
de. Es sind also nicht weniger, sondern eher mehr Figuren als rechts,
und sie sind nicht so übersichtlich verteilt.

Dadurch entsteht weniger der Eindruck der Sieghaftigkeit der
Götter als derjenige einer Verwicklung in harte Zweikämpfe. Nur
die Haltung des der Mitte nächsten Gottes, Apollo, hat etwas von ei-
ner Siegerpose. Die als Epiphanie des Gottes aufgefasste Schöpfung
des Leochares, die im Apollo vom Belvedere überliefert ist, scheint
hier noch nachzuwirken. Apollo streckt den linken Arm aus, der
den Bogen gehalten haben muss. Er hat soeben einen Pfeil abge-
schossen, denn obwohl Unterarm und Hand abgebrochen sind, er-
kennt man, dass er offenbar mit der Hand über die rechte Schulter
zum Köcher greift, um einen neuen Pfeil herauszuziehen, nachdem
ein Gegner zu Boden gestreckt ist. Dieser stützt sich, auf der linken

Linkes Drittel des
Ostfrieses,

Apollo, Leto, Artemis
und ihre Gegner,
Hekate und Klytios

Gefallener Gigant
unter Apollo

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