Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 136
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Der Pergamonaltar: Nordfries

27 b. Der Pergamonaltar: Nordfries

Geht man zunächst um diese Kante herum zur Nordseite des Alta-
res, so sieht man, wie Aphrodite im Rücken ihres Geliebten, Ares,
die Serie der Kampfgruppen eröffnet, die sich ähnlich dicht wie im
linken Drittel des Ostfrieses mit unerschöpflichem Erfindungsreich-
tum nach rechts erstrecken. Eine übergreifende Kompositionsab-
sicht ist nicht erkennbar und wohl auch nicht angestrebt, weil man
auf der Nordseite ebenso wie auf der Südseite nicht weit genug
zurücktreten konnte, um die Friesseite als ganze zu überschauen,
wie es beim Ostfries möglich war. Man liest, wie schon gesagt, die
Friesbänder auf der Nord- und Südseite im Vorbeischreiten ab.

Westfries,
Aphrodite, Eros,
Dionc und ihre

Gegner

Aphrodites wogender Körper ist in einen feingerippten Chiton
gekleidet. Seit H. Luschey ihren isoliert gefundenen, schmalen Kopf
wieder anfügen konnte, ist ihre widersprüchliche Erscheinung, in
der graziöse Bewegung und ungeheuer rohe Handlung kontrastie-
ren, erst wirklich wieder erkennbar. Aphrodite beugt sich vor, stellt
ihren zierlich beschuhten linken Fuss einem rücklings über einen
Haufen Gefallener hingestürzten Gegner brutal ins Gesicht und
stemmt sich mit dem Bein ab, um dem Gefallenen den Speer aus der
Brust zu ziehen. Deutlicher kann man den Hass der Götter auf die
Giganten nicht ausdrücken, die sich wider sie aufgelehnt hatten.
Aber hässlich ist das nicht. Bis ins Detail sind alle Formen von ästhe-
tischer Vollendung, ja sogar von erotischer Wirkung.

Vor Aphrodite her fliegt ihr Sohn Eros, nach dem der Schlangen-
kopf am Ende des rechten sich ringelnden Schuppenbeins des näch-
sten Giganten emporzüngelt. Der Gigant wendet sich hingegen nach
rechts, sicher, dass sein Schlangenbein ihm den Rücken freihalten
wird. Der schöngestaltige Gigant hebt beide Arme über den Kopf,
wohl um ähnlich wie Klytios einen Feldstein gegen seine matronale
Gegnerin zu schleudern, die durch die Beischrift auf dem Gesims als
Dione, die Mutter Aphrodites, benannt ist. Wie ihre auf die Schulter

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