Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 137
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Der Pergamonaltar: Nordfries

fallenden langen Haare zeigen, wendete sie ihren verlorenen Kopf
nach links. Sie war also in einer Rückfallstellung mit zum Hieb aus-
holendem rechtem Arm dargestellt. Vor ihrem Unterkörper ringelte
sich das linke Schlangenbein des Giganten und gab, als es noch ganz
erhalten war, der ziemlich konventionellen Kampfgruppe einen
wohl doch interessanteren Charakter. Das jedenfalls darf man aus
der eigenständigen Aktion des anderen Schlangenbeines erschlies-
sen, das aus offenbar selbst getroffener Entscheidung oder, wenn
man so will, selbstverständlicher Reaktion den heranfliegenden Eros
angreift. In ähnlicher Weise züngelt der Schlangenkopf des linken
Beines vor dem Leib Diones empor, wo man noch die verriebenen
Bruchspuren des geringelten Schlangenleibes ausmachen kann. Der
Schlangenkopf scheint aber eigentümlicherweise nicht Dione, son-
dern den rechts neben ihr, Rücken an Rücken mit ihr kämpfenden
Gott anzugreifen. Die nach links und rechts ausgreifenden Schlan-
genbeine verknüpfen so die Gruppe von Aphrodite und Dione, die
gemeinsam mit Eros von zwei Seiten einen Gigantenhaufen einge-
kreist haben, mit der rechts anschliessenden Gruppe.

Bevor man sich der Betrachtung dieser Gruppe zuwendet, ist es
notwendig, die Gesamtkomposition der aus fünf Platten bestehen-
den Kampfgruppe von Aphrodite, ihrem Sohn und ihrer Mutter zu
würdigen. Sie ist in einen Halbkreis eingefügt, dessen Mittelpunkt
der Haarwirbel auf dem Hinterkopf des senkrecht aus dem Relief-
grund nach vorn stürzenden jugendlichen Giganten mit seiner ath-
letischen Nacken- und Armmuskulatur ist. Über ihn ist rücklings
der Gigant gefallen, dem Aphrodite den Stiefel ins Gesicht stellt. Er
bildet mit seinem Körper einen Halbkreis, der konzentrisch die
ideale Linie wiederholt, von der die ganze Gruppe umfangen wird.
Man erkennt, wie sorgfältig die massenhafte Häufung der Körper
auch in dieser Gruppe strukturiert ist, ohne dass der Eindruck einer
wüsten Massierung und eines wütenden Aufeinanderprallens abge-
schwächt würde. An der Formung der kreisenden Locken auf dem
Hinterkopf des dem Betrachter entgegenstürzenden Giganten kann
man im Vergleich zu den Lockenköpfen früherer Plastiken wie den
Bildnissen der Attaliden vom Anfang des Jahrhunderts oder dem
Diomedes der Palladionraubgruppe besonders deutlich den Stil-
wandel erkennen, der sich mit dem Grossen Altar von Pergamon
vollzogen hat. Wir kommen im Zusammenhang darauf zurück (S.
182-184). Hier sei nur soviel angemerkt, dass die nahezu ornamen-
tale Drapierung der durch tiefe Rillen markierten, ondulierten
Locken etwas ganz anderes ist als die locker ums Hinterhaupt fal-
lenden Haarflocken der früheren Skulpturen. Der aus der Tiefe des
Reliefs senkrecht nach vorn stürzende Gigant, auf dessen Hinter-
kopf und Schultern man schaut, ist ein besonders interessanter
künstlerische Einfall, den der Bildhauer offenbar durch Wiederho-
lung nicht abwerten wollte, sondern in seiner Einmaligkeit beliess.

Aphrodite

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