Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 140
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Der Pergamonaltar: Nordfries

über der Brust verknotet ist. Letzterer dürfte der Gigant sein, zumal
er mit beiden Händen einen Baumstamm, die Waffe der Wilden, ge-
gen seinen Angreifer schwingt, der in der bekannten Haltung des
"Gottes aus dem Meer" zum Speerstoss gegen den Bärtigen ausholt.

Wieder treffen rohe Wut und trainierte Kampfestechnik auf ein-
ander. Der überlegene Gott hat offenbar schon den sich am Boden
krümmenden Giganten erledigt, über den der Gigant mit dem
Baumstamm zurückweicht. Rechts von dem in verbogener Haltung
hingeworfenen Toten liegt der ihm vom Kopfe geschlagene Helm.
Links hängt sein lebloser Arm mit schlaff gelöster Hand im Rund-
schild, der am Boden steht. Durch diese zwischen ihren nutzlos ge-
wordenen Verteidigungswaffen liegende Figur, die zwischen den
ausschreitenden Beinen des Baumstammschwingers sichtbar wird,
gewinnt die Zweiergruppe beträchtlich an Komplexität und Dra-
matik, die sich in der folgenden Gruppe noch steigert.

Hier hat eine geflügelte Göttin einem mit geringelten Schlangen-
beinen am Boden knienden Giganten von hinten am Schopf gepackt
und rammt ihm das Schwert senkrecht in die Halsgrube, so dass der
Gigant aufschreit. Der Mund ist weit aufgerissen. Die Schlange sei-
nes rechten Beines sinkt ersterbend in sich zusammen, und auch das
in kraftlosen, flachen Wellen nach rechts bewegte linke Schlangen-
bein zeigt, dass der Gigant tödlich getroffen ist. Die Göttin, die ihn
tötet, ist von wilder Entschlossenheit. Das in einer starken Welle be-
wegte Gewand entblösst ihre rechte Brust. Ihr Griff ist fest, ihr Stoss
unerbittlich. Die Überwindung der Giganten wird in einer mit neu-
er Intensität geladenen Gruppenkomposition anschaulich.

Es ist ein Charakteristikum der Komposition dieser zehn Platten,
dass abwechselnd übersichtliche Gruppenschemata und verwickel-
te Kämpferknäuel dargestellt sind, wie man es in der folgenden
sechsten Kampfgruppe sieht. Zwei Kämpfer stossen mit ihren Schil-
den im Nahkampf aneinander, und zu ihren Füssen sinkt ein ju-
gendlicher Gigant hin, über dessen ausgestrecktes rechtes Bein der
Überwältigungsgruppe linke Kämpfer seinen Fuss direkt auf den Betrachter zu, also aus der
Bildebene heraussetzt. Man fragt sich, wer in dieser Kampfgruppe
der Gigant ist und wer der Gott. Beide sind wechselweise vorge-
schlagen worden, und man muss die Kriterien bewerten. Klar
scheint, wer der Angreifer ist und wer sich zu schützen sucht. Der
vom Rücken gesehene Krieger schleudert seine Lanze mit Hilfe ei-
ner Schlaufe, die dem Wurfgeschoss beim Abziehen einen Drall
gibt. Es ist deutlich dargestellt, dass er die Lanze nicht mit zur Faust
geschlossener Hand umgreift, sondern dass er den Schaft nur leicht
zwischen Mittel- und Zeigefinger aus der geöffneten Hand gleiten
lässt. Das ist nur möglich, wenn er den Schleuderwurf anwendet.
Dabei wird eine Schlaufe um das rechte Handgelenk gewunden. In
das andere Ende der Schlaufe wird die Mitte des Lanzenschaftes
eingedreht. Wenn man die Lanze nun mit aller Wucht aus dieser wie

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