Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 149
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Der Pergamonaltar: Südfries

Themis und
Maimaches,
Phoibe und Gigant
mit Eulenflügeln

ter zu dem grossartigen Gott mit den Eulenflügeln, in dem man
ihren Vater Uranos erkennen möchte. Die Kampfszene, in die er ver-
wickelt ist, erscheint spannungsgeladen, weil der rücklings stürzen-
de Gigant den linken Arm mit einem darum gewickelten dicken Fell
wie einen Schild erhebt und mit der Rechten einen Feldstein um-
krallt, um ihn gegen den angreifenden Gott zu schleudern.

Der folgende Zweikampf links daneben vollzieht sich zwischen
einem jugendlichen Gott, der nur einen Lendenschurz trägt, und ei-
nem löwenköpfigen Giganten, dessen Arme in Löwenpranken aus-
laufen. Es ist eine originelle Kampfgruppe, weil die Gegner sich
nicht im Angriff gegenüberstehen, sondern weil der Gott, in dem
man Aither, den Gott des Luftraums zu erkennen glaubt, den mäch-
tigen Löwenkopf mit einem Würgegriff umfasst hat und ihm dabei
den Hals durchbiegt, als wolle er ihn brechen. Im Fachjargon sagt
man, er hat ihn in den Schwitzkasten genommen. Der Löwe öffnet,
als atme er schwer, das Maul und schlägt die eine Pranke in den
Oberarm des Gottes, während er ihn mit der anderen am rechten
Oberschenkel packt. Die Beine des Löwengiganten dürften, obwohl

eine Lücke besteht, unterhalb der Knie in Schlangenleiber auslau- r . c .

° Seltne, auf einem

ten, deren rechter sich links von dem Giganten aufringelt. Hinter Maultier reitend
dem Rücken des Giganten sieht man eine ausgebreitete Schwinge,
die zur links anschliessenden Gottheit zu gehören scheint. Deren
Bewegungsmotiv ist aber wegen der Zerstörung der links anschlies-
senden Platte nicht mehr kenntlich.

Jenseits der Lücke sieht man die Mondgöttin Selene, die im Da-
mensitz auf einem Maultier reitet und, dem Betrachter den Rücken
zuwendend, nach links über einen am Boden niedergestreckten Gi-
ganten dahintrabt. Hier hat Theia, die Mutter der Tages- und Nacht-
gestirne, in der Mitte zwischen ihren Kindern Eos, Helios und Se-
lene einen menschlich gebildeten, von links herandringenden Gi-
ganten gestellt. Ihm fällt Selene in den Rücken, während links von
Theia ihr Sohn Helios, im langen Gewände der Wagenlenker, sein
Zweigespann gegen einen besonders schöngestaltigen Giganten an-
treibt.

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