Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 150
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Der Pergamonaltar: Südfries

Wirft man an dieser Stelle einen Blick zurück auf die neun bisher
betrachteten Kampfgruppen, die jeweils Zweikämpfe zwischen
Göttern und Giganten darstellen, jedoch ohne auch nur ein einziges
Mal die gleiche Komposition zu bieten, so wird man sich bei der fast
vollständig erhaltenen Abfolge der links anschliessenden Szenen
noch einer Steigerung im Erfindungsreichtum des entwerfenden
Meisters bewusst. Um diese Erkenntnis zu vertiefen, ist eine über-
schauende Betrachtung der dreizehn Platten zwischen Helios und
dem Ende des Südfrieses gewinnbringend. Man kann hier gut eine
Eigenart der Frieskomposition studieren: die kunstvolle Festlegung
der Körperachsen der Figuren. Nicht eine einzige Neigung dieser
Achsen bildet eine Parallele mit einer anderen. Alle auf diesen Plat-

Gespann des Helios

ten dargestellten acht Figuren haben einen deutlich verschiedenen
Neigungswinkel, und auch die drei Pferde und der Löwe zeigen ei-
ne Variation ihrer Bewegung. Die Gespannpferde steigen, das Pferd
der Eos wirft den Kopf zurück und greift mit den Vorderbeinen aus,
der Löwe hält seinen Leib im Lauf waagrecht und wendet den Kopf
aus dem Reliefgrund heraus dem Betrachter zu.

Bei den vier fragmentarisch erhaltenen Figuren in der Mitte des
Frieses ist dies nicht ganz so klar zu erkennen: Selene sitzt mit senk-
rechtem Oberkörper auf ihrem Maultier, das den Schwanz hoch-
wirft. Der unter ihr am Boden liegende Gigant bildet mit der Körper-
achse Selenes etwa einen rechten Winkel. Die beiden Gegner links
von ihr, der menschlich gebildete Gigant und die mütterliche Theia,
die in ähnlicher Weise aufeinandertreffen wie Artemis und ihr Geg-
ner am Ostfries, haben auch eher senkrechte Körperachsen. Da hin-
ter dem linken Bein des Giganten ein gegen Selenes Reittier zün-
gelnder Schlangenkopf sichtbar wird, muss - wiederum ähnlich wie
bei der Artemisgruppe - ein Gigant zwischen den beiden Gegnern in
der Mitte des Südfrieses zu Boden gesunken sein; es entgeht aber der
Betrachtung, in welcher Weise die Mittelgruppe des Nordfrieses von
der Artemisgruppe verschieden war. Man darf beim Erfindungs-
reichtum des entwerfenden Meisters aber für sicher halten, dass der

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