Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 157
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Der Pergamonaltar: Die Treppenwangen

nes Stück ihres über den Leib rieselnden, feuchten Gewandes wird
über dem zu ihren Füssen abgestellten Schild sichtbar. Der Gegner
ist ein junger Gigant, der sich mit dem rechten gestreckten Bein auf
einer Stufe abstemmt, mit dem linken Bein auf einer drei Stufen
höheren kniet und den Arm auf einer noch höheren abstützt. Man
sieht genau, wie er auf Händen und Füssen die Treppe hinaufkrie-
chen will, aber von seinen Verfolgern gestellt wird. Ein nächster,
vom Rücken gesehener, war noch weiter hinaufgedrängt worden,
doch die hier einsetzende Lücke verunklärt sein Motiv.

Im Stil erscheinen die Figuren an der linken Treppenwange am
weitesten fortgeschritten. An diesen Stil knüpft unmittelbar der Stil
des Telephosfrieses im Altarinnenhof an.

27 e. Der Pergamonaltar: Der Telephosfries

Der 120 m lange, 2,30 m hohe Fries mit der Darstellung eines Gi-
gantenkampfes wurde schon in der Antike zu den Weltwundern der
Kunst gerechnet. Er ist im Zusammenhang mit dem Altar, den er
schmückt, eines der grossartigsten Denkmäler antiker Kunst. Ver-
gleichbar an Grösse ist in der griechischen Kunst eigentlich nur der
Skulpturenschmuck des Parthenon in Athen, der sich auch nicht auf
den Fries beschränkt, sondern zweiundneunzig Metopenreliefs und
die beiden Skulpturengiebel aufweist. So sind am Altar von Perga-
mon noch der sogenannte kleine oder Telephosfries im Innenhof,
die Figuren von Kentauren und Viergespannen auf dem Dach der
Säulenhalle und zahllose Überlebensgrosse Marmorskulpturen von
Gewandstatuen in den Säuleninterkolumnien zu erwähnen, die in
ihrer Gesamtheit dem Grossen Fries als Arbeitsleistung beinahe
gleichkommen, wenn sie auch nicht eine so geschlossene Einheit bil-
den wie dieser.

Der Telephosfries reiht in zeitlicher Abfolge Szenen aus dem My-
thos vom Urkönig Telephos, die Geschichte seiner Abstammung
und seiner Taten aneinander. Diese Einzelszenen, die nur dadurch
voneinander getrennt waren, dass sich die Figuren am Ende einer
Szene und am Beginn der nächsten gewöhnlich den Rücken zuwen-
den, waren offenbar den Interkolumnien der Säulenhalle angepasst,
die den in einem vorn offenen Karree unter freiem Himmel liegen-
den Opferaltar einfasste. Es waren also die Abstände zwischen den
Säulen selbst, die die Trennung der einzelnen Szenen voneinander
bestimmten. Von dem ganzen ursprünglich 58 m langen Fries, sind
nur etwa 85% in mehr oder weniger vollständigen, nicht immer zu-
sammenhängenden Platten erhalten. Diese sollten im Uhrzeigersinn
von links nach rechts abgelesen werden. Dabei waren auf der lin-
ken, der Nordseite des Hofes die Geschichte von Herakles und Au-
ge als Eltern des Telephos und dessen früher Kindheit, auf der Ost-

Ncrcus an der

nördlichen

Treppenwange

Tekphoefries
Theutrm findet
Auge

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