Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 159
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Neue Entdeckungen zum Pergamonaltar

Dabei ergibt sich eine kunstgeschichtlich merkwürdige Situation.
Der Pergamonaltar mit seinem sehr ausgeprägten, unverkennbaren
Barockstil hat zwar nachweislich eine ganze Reihe von Vorbildern in
der früheren, klassischen Kunst, von denen vor allem der Westgie-
bel des Parthenon in Athen aus der Zeit um 430 v. Chr. zu nennen
ist. Man erkennt bei einer Nebeneinanderstellung (S. 126/127) un-
mittelbar, dass die Figuren von Zeus und Athena im Ostfries des Al-
tares nicht nur auf die grossen Gestalten von Poseidon und Athena
im Parthenon-Westgiebel zurückgehen, sondern diese offensichtlich
direkt zitieren, wenn auch in seitenverkehrter und weiter auseinan-
dergezogener Darstellung. Am Pergamonaltar wirken diese beiden
Götter wie Erscheinungen der Götter, die man vom Parthenon
kennt. Eine Begründung für die damit möglicherweise beabsichtig-
te inhaltliche Aussage lässt sich allerdings nicht finden, solange man
von einer Auftragserteilung des Werkes bald nach 184 v. Chr. aus-
geht. Man müsste sich in diesem Fall mit der Annahme begnügen,
dass Auftraggeber und Schöpfer des Altares den Parthenongiebel
für vorbildlich hielten, der Pergamonaltar mithin ein klassizisti-
sches Werk wäre.

Das ist aber wegen der barocken Stilisierung offensichtlich nicht
der Fall. Es ist auch nicht die einzige Schwierigkeit bei der Frühda-
tierung. Wenn der Pergamonaltar um 180 v. Chr., das heisst früh zu
datieren wäre, könnte man keine nennenswerte stilistische Entwick-
lung feststellen, die zu ihm hinführt. Der Altar wirkt wie vom Him-
mel gefallen. Dabei ist klar, dass ein solches Werk nur von Werk-
stätten aus dem Marmor gehauen werden konnte, die über eine lan-
ge Tradition und über vorzüglich ausgebildete Steinmetzen verfüg-
ten. Solche gab es zu Beginn des zweiten Jahrhunderts in Pergamon
nicht, vielmehr ist bekannt, dass mit Ausnahme eines gewissen Epi-
gonos alle in Pergamon inschriftlich oder durch andere Quellen ge-
nannten Künstler aus anderen Orten und besonders aus Athen und
von der Insel Rhodos in die Residenz der Attaliden berufen wurden.
In Athen und Rhodos, den beiden bedeutendsten, und in anderen
Zentren frühhellenistischer Kunst wie in Alexandria und in Messe-
nien findet man aber nicht den charakteristischen Barockstil des Al-
tares, der nur für Pergamon bezeugt ist und sich dort gebildet haben
muss. Das setzt eine bestimmte Zeitspanne voraus, die nicht vor-
handen ist, wenn man den Altar so früh datiert.

Zur gleichen Zeit, als diese Erkenntnis sich durchsetzte, kam es in
rascher Folge zu den erwähnten Entdeckungen, die nun kurz auf-
gezählt seien, ohne dass ich hier noch einmal die Entdeckungsge-
schichte behandeln kann. Nachdem P. J. Callaghan bereits darauf
aufmerksam gemacht hatte, dass sich die Keramikscherben in den
Fundamenten des Altars mit einem so frühen Datum nicht vertra-
gen, gab den Anstoss zu neuen Forschungen in dieser Richtung die
Beobachtung, dass der marmorne Kolossalkopf eines bärtigen Va-

Rumpf des Poseidon
im Westgiebel des
Parthemm.
Um 430 v. Chr.

Sclterbe mit
Dreiblattmuster
aus Pergamon in
Berlin, Staatl. Mus.
Nach 172 v. Chr.

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