Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 166
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Neue Entdeckungen zum Pergamonaltak

Lorbeerkranz
des Asklepios,
auf einer Münze
Eumenes' II. aus
dem Jahr 172 v. Chr.
und auf einer Scherbe
im Fundament des
Pergamonaltares

89-85 v. Chr. beweisen. Die Löwin am Telephosfries hat nur zwi-
schen 166 und 156 als antirömische Aussage einen Sinn, und sie ist
ein datierendes Element des Altares.

Viertens, die Künstlergeschichte: Aus dem oben über Phyroma-
chos als entwerfender Künstler des Pergamonaltares Gesagten er-
gibt sich, dass das Bauwerk erst nach dem Asklepios des gleichen
Künstlers in Auftrag gegeben wurde, was eine Datierung zwischen
166 und 156 v. Chr. nach sich zieht.

Fünftens, die Stratigraphie: Entscheidend und unwiderleglich sind
schliesslich die Erkenntnisse, welche die Ausgrabungen der Funda-
mente des Pergamonaltares ergeben haben. Die dort gefundene Ke-
ramik bietet Scherben, die sich durch eine kombinierte Methode in
die Zeit nach 172 v. Chr. datieren lassen. Besonders eine schon von
Jörg Schäfer 1961 ausgegrabene Scherbe ist hier hervorzuheben. Sie
bietet einen plastisch aufgesetzten Lorbeerkranz, der eine bestimmte
Anordnung von drei fächerförmig zusammengesteckten Lorbeer-
blättern und zwei in die Zwischenräume eingefügten Blüten an lan-
gen Stielen zeigt. Es ist der gleiche charakteristische Lorbeerkranz,
den auf den Münzen auch der Kopf des Asklepios von Phyromachos
trägt und der als Symbol der Errettung durch die Heilkraft des As-
klepios auch um das Dioskurenpaar auf der Rückseite der Gedenk-
münze Eumenes' II. für seine Errettung aus dem Attentat von 172
v. Chr. gewunden ist. Mit den Dioskuren wird natürlich auf das Bru-
derpaar Eumenes II. und Attalos II. angespielt, welche die Kunst des
Heilgottes Asklepios wieder zusammengeführt hatte. Das Volk von
Pergamon antwortet auf diese Münzeprägung, die einzige, die das
Bildnis eines regierenden Königs, nämlich des ins Leben zurückge-
kehrten Eumenes II. auf den Avers setzt, indem es auf die tönernen
Trinkgefässe den glückbringenden Kranz des Asklepios applizierte.
Damit lassen diese Scherben sich nach 172 v. Chr. datieren und geben
zugleich aufgrund der Stratigraphie auch ein festes Datum für den
Pergamonaltar ab. Da dieser weder zur Zeit des Krieges gegen Per-
seus von Makedonien 172-168 noch während des Kampfes gegen die
Gallier 168-166 begonnen werden konnte, muss er in der Zeit zwi-
schen 166 und 156 entstanden sein, als den Pergamenern auch die
Geldmittel dafür zur Verfügung standen.

Es ist natürlich klar, dass der Altar als Siegesmal nach einem
Kampf auf Leben und Tod, der gegen den Willen der Supermacht
Rom gewonnen wurde, eine völlig andere Bedeutung hat, als wenn
diese Auseinandersetzung den Pergamenern noch bevorstünde.
Man glaubt, in der unerhörten Grausamkeit, die in den Kämpfen
zwischen den Göttern und Giganten am Pergamonaltar dargestellt
ist, etwas von der Verbissenheit des Kampfes gegen die historischen
Gegner der Pergamener zu spüren.

Die durch fünf voneinander unabhängige Beweise gesicherte Da-
tierung des Pergamonaltares in das Jahrzehnt 166-156, also an den

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