Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 171
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Die Skyllagkuppe vom Typus Rhodos-Sperlonga-Konstantinopel

liehen das rechte Bein abzubeissen droht. Dieser greift mit der linken
Hand in die Nüstern des Hundes und will ihm den Rachen aufreis-
sen. Doch der ist schon bis zum Anschlag geöffnet, und der Griff der
Finger in die empfindlichen Nüstern steigert nur die Wut des Hun-
des, der die Pranken in Knie und Rücken des Mannes schlägt.

Der fünfte Gefährte ist vom rechten Fischschwanz umwunden
und erscheint eingeklemmt zwischen den Pranken des Hundes, sei-
nem Maul, das dem Mann in den Schädel beisst, und dem biegsamen
Fischschwanz (S. 176). Der Hals des Gefährten ist sehr weit, bis zum
Brechen, zur Seite gebogen, doch der Mann wehrt sich mit letzter
Kraft. Während er den rechten Arm hilfesuchend nach oben reckt,
wo er Odysseus vermutet, hat er die linke Hand auf die Schnauze
des Hundes geworfen, um dessen Kopf fortzureissen. Doch der
Hund hat sich fest in die Kalotte des Unglücklichen verbissen. Da
spürt dieser in der Kuhle unter seinem Zeigefinger das rechte Auge
des Hundes. Er krümmt den Finger und reisst dem Hund das Auge
aus, bevor ihn der sichere Tod ereilt. Diese grauenerregende Szene ist
zwischen den ausschreitenden Beinen des Odysseus gut sichtbar.

Odysseus, der gewiss am Bug des auf Skylla zufahrenden Schiffes
stand, hatte sich, als es vorbeiglitt, umgedreht und war mit grossen
Sätzen zum Heck gelaufen, wohl um eine zweite Lanze gegen
Skylla zu schleudern. In diesem Augenblick musste er erleben, wie
Skylla ihm den Steuermann vom einzigen auf der Steuerbordseite
noch erhaltenen Ruder riss. Das Riesenweib hatte den Mann am

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