Andreae, Bernard  
Schönheit des Realismus: Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik — Mainz, 1998

Seite: 175
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Die Skyllagruppe von Rhodos als Vorläufer des Grossen Altares von Pergamon

Als äusserliches, aber unverkennbares Motiv fällt die völlige Über-
einstimmung der Hundepranken der Skvllagruppe mit den Pranken
von Löwen und Hunden am Pergamonaltar auf. Dass überhaupt so
viele Hunde im Gigantenkampf des Pergamonaltares erscheinen,
gibt zu denken. In nacharchaischer Zeit waren Hunde aus den Gi-
gantenkampfdarstellungen verschwunden und tauchen nun plötz-
lich wieder auf, so dass man sich fragen muss, ob hier nicht das Vor-
bild der Hundeprotomen Skyllas eine Rolle gespielt hat. Jedenfalls
sind die Pranken mit ihren Reissnägeln bei Skylla und im Giganten-
fries völlig gleich. Dies könnte natürlich durch die erstaunliche
Übereinstimmung mit dem Naturvorbild bedingt sein; es gibt aber
zu denken, dass die Pranken eines Fehden wie des Löwen der Keto
am Nordfries und des Caniden der Hekate am Ostfries miteinander
und mit den Hundepranken der Skylla übereinstimmen. Es muss
ein gemeinsames Vorbild geben, und dies kann eigentlich nur die
Skyllagruppe von Rhodos gewesen sein.

Das wird auch deutlich, wenn man eine zentrale Episode des

Kampfes der Götter und Giganten am Pergamonaltar ins Auge fasst,

die Athena-Alkyoneusgruppe, und sich fragt, was hier vor sich T^T^i Gigant

Pf! esordfries des

geht. Athena hat den jugendlichen Giganten Alkyoneus am Schopf Pergamonaltares
gepackt und schreitet nach links aus, um den mächtigen Körper mit
seinen wild in der Luft schlagenden Flügeln hochzureissen. Denn
solange der Gigant Kontakt hat mit seiner Mutter, der Erde, erhält er
von ihr immer neue Kraft. Noch berührt er sie mit der Spitze des
ausgestreckten linken Fusses, doch der Arm mit der geöffneten
Hand ist schon von ihr gelöst. Man muss aber sehr genau hinschau-
en und auch den Mythos kennen, wenn man sehen will, dass Athe-
na den Giganten nicht niederringt, sondern emporreisst. Ihre
Schlange umwindet sein gebeugtes Bein und seinen linken Ober-
arm, während sie ihm in die Brust beisst. Doch der Biss kann nur Skyllagruppe,

.... , . s-,. ... 'ini 180 v. Chr.,

seine Wirkung tun, wenn der Gigant von seiner Mutter getrennt ymj per&mmaitafi

wird, die flehend den Arm zu Athena ausstreckt. Das Motiv des Em- Ostfries,

porreissens begreift man eigentlich nur, wenn man sieht, dass hier ^66 -156 v. Chr.

offensichtlich die Skylla der rhodischen Gruppe als Anregung und Athena und

Vorbild gedient hat. Das Riesenweib Skylla ergreift in der gleichen Alkyoneus

Vom Löwen
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